Stütze im Wandel
Von Appoggio und Atemstütze zu einem funktionellen Verständnis
Kaum ein Begriff wird in der Gesangs- und Bläserpädagogik so selbstverständlich verwendet wie die Stütze.
„Du musst mehr stützen.“
„Lass die Stütze nicht los.“
„Aktiviere deine Mitte.“
„Halte den Luftstrom.“
Fast jede Musikerin und jeder Musiker hat solche oder ähnliche Sätze schon einmal gehört. Und trotzdem ist oft erstaunlich unklar, was genau damit eigentlich gemeint ist.
Geht es um Bauchspannung?
Um Luftdruck?
Um das Zwerchfell?
Um eine bestimmte Körperhaltung?
Oder eher um ein Gefühl von Tragfähigkeit und Kontrolle?
Die Schwierigkeit liegt nicht unbedingt darin, dass all diese Vorstellungen falsch wären. Vielmehr wurde über Jahrhunderte versucht, eine sehr komplexe Koordination von Atmung, Körper und Klangerzeugung mit Worten, Bildern und subjektiven Empfindungen zu vermitteln.
So entstand ein Begriff, unter dem heute sehr unterschiedliche Vorstellungen zusammengefasst werden.
Ein Blick in seine Geschichte kann helfen zu verstehen, warum.
Appoggio – eine frühe Idee von Atem und Klang
Eine wichtige Traditionslinie führt in die italienische Gesangspädagogik.
Der Begriff Appoggio leitet sich vom italienischen appoggiare ab – sich anlehnen, sich abstützen oder etwas auflegen. In der Gesangspädagogik wurde er insbesondere im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen Begriff für die Koordination von Atmung und Stimme.
Dabei ging es nicht einfach darum, möglichst viel Luft zu holen oder den Bauch kräftig anzuspannen.
Vielmehr sollte der Atem so reguliert werden, dass der Klang getragen werden konnte, ohne dass die Luft unkontrolliert entwich oder die Stimme durch übermäßigen Druck belastet wurde.
Historische Gesangsschulen beschrieben diese Koordination mit unterschiedlichen Begriffen und Bildern. Gerade deshalb ist Vorsicht geboten, wenn wir heutige Vorstellungen von „Atemstütze“ direkt auf frühere Jahrhunderte übertragen.
Was sich jedoch erkennen lässt, ist eine grundlegende Idee:
Ein guter Klang braucht eine regulierte Ausatmung.
Die eingeatmete Luft wird nicht einfach möglichst schnell wieder hinausgedrückt. Gleichzeitig soll sie aber auch nicht durch starres Festhalten blockiert werden.
Zwischen diesen beiden Extremen entsteht eine fein abgestimmte Regulation.
Aus einer Koordination wird ein pädagogisches Bild
Genau hier beginnt eine Schwierigkeit, die uns bis heute begleitet.
Was im Körper tatsächlich geschieht, ist komplex. Zwerchfell, Brustkorb, Bauchwand, Beckenboden und weitere Strukturen wirken miteinander. Gleichzeitig verändert das Instrument oder die Stimme die Anforderungen an Luftstrom und Druck.
Für Lehrende stellt sich deshalb seit jeher die Frage:
Wie vermittle ich einem Menschen etwas, das er nicht direkt sehen kann?
Die Antwort waren häufig Bilder.
Man sollte sich anlehnen.
Den Atem tragen.
Gegenhalten.
Die Luftsäule führen.
Die Mitte aktivieren.
Oder den Ton „auf den Atem setzen“.
Solche Bilder können ausgesprochen hilfreich sein. Ein gutes Bild kann innerhalb weniger Sekunden eine körperliche Veränderung hervorrufen, für die eine anatomische Erklärung wesentlich länger brauchen würde.
Das Problem beginnt dort, wo das Bild mit dem tatsächlichen körperlichen Vorgang verwechselt wird.
Was bedeutet „Stütze“ in der deutschen Tradition?
Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff Stütze zu einer Art Sammelbegriff für verschiedene Vorstellungen der Atemführung.
Je nach Schule, Instrument oder Lehrperson kann damit etwas ganz Unterschiedliches gemeint sein: eine kontrollierte Ausatmung, muskuläre Aktivität im Bauchraum, ein bestimmtes Druckgefühl, die Stabilisierung des Rumpfes oder schlicht das subjektive Gefühl eines tragfähigen Tons.
Gerade in der Bläserpädagogik begegnet man deshalb sehr unterschiedlichen Anweisungen.
Manche Musiker lernen, den Bauch beim Spielen deutlich anzuspannen. Andere sollen möglichst locker bleiben. Wieder andere arbeiten mit Vorstellungen von Gegendruck, einer aktiven Körpermitte oder einer stabilen Luftsäule.
Das Interessante daran ist:
Zwei Lehrpersonen können dasselbe Wort verwenden und damit völlig unterschiedliche körperliche Strategien meinen.
Damit wird „Stütze“ zu einem Containerbegriff.
Er beschreibt ein gewünschtes Ergebnis oder ein bestimmtes Spielgefühl, sagt aber noch nicht eindeutig, wie dieses Ergebnis körperlich zustande kommt.
Warum Körperbilder trotzdem wertvoll sind
Das bedeutet nicht, dass traditionelle Bilder oder subjektive Empfindungen wertlos wären.
Im Gegenteil.
Musizieren ist eine hochkomplexe sensomotorische Aufgabe. Wir können während eines Konzerts nicht über einzelne Muskeln, Gelenkwinkel oder Druckverhältnisse nachdenken.
Ein hilfreiches Bild kann den Körper sehr viel direkter organisieren.
Schwierig wird es erst, wenn ein Bild für alle Menschen gleichermaßen gelten soll.
Was bei einer Person sofort mehr Freiheit erzeugt, kann bei einer anderen zu unnötiger Spannung führen.
Die Anweisung
„Mehr stützen!“
kann beispielsweise dazu führen, dass jemand seine Ausatmung besser reguliert.
Ein anderer Mensch spannt daraufhin möglicherweise die Bauchmuskulatur maximal an, fixiert den Brustkorb und macht genau die Bewegung schwieriger, die eigentlich erleichtert werden sollte.
Deshalb lohnt es sich, hinter das Bild zu schauen.
Was muss beim Spielen eigentlich reguliert werden?
Bei Stimme und Blasinstrumenten brauchen wir Luft.
Aber nicht einfach möglichst viel davon.
Wir müssen Luftstrom und Druck so regulieren, dass sie zu dem passen, was musikalisch gerade verlangt wird.
Ein leiser Ton stellt andere Anforderungen als ein lauter.
Ein hoher Ton andere als ein tiefer.
Eine lange Phrase andere als ein kurzer Akzent.
Währenddessen muss unser Körper ständig reagieren und sich anpassen.
Das bedeutet: Eine sinnvolle Atemorganisation kann keine einzige feste Muskelspannung sein, die wir einmal herstellen und anschließend beibehalten.
Sie muss veränderbar sein.
Atmung ist eine Bewegung des gesamten Rumpfes
Hier hilft uns unser heutiges Wissen über Atmung weiter.
Atmung findet nicht nur im Bauch statt.
Mit jedem Atemzug verändert sich die Form des Brustkorbs. Die Rippen bewegen sich, das Zwerchfell verändert seine Position, und im Rumpf entstehen wechselnde Druckverhältnisse.
Auch die Bauchwand und der Beckenboden reagieren auf diese Veränderungen.
Diese Strukturen arbeiten nicht unabhängig voneinander.
Sie bilden ein bewegliches Drucksystem.
Das ist gerade für Musiker interessant, denn beim Spielen verändern wir dieses System bewusst. Wir lassen Luft nicht einfach ungebremst entweichen, sondern passen Luftstrom und Druck an die Anforderungen unseres Instruments oder unserer Stimme an.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
„Welche Muskeln muss ich anspannen?“
Sondern:
„Welche körperlichen Bedingungen ermöglichen es mir, den notwendigen Luftstrom und Druck zu regulieren, ohne dafür unnötig festzuhalten?“
Der Brustkorb spielt dabei eine größere Rolle, als häufig gedacht
Wenn über Stütze gesprochen wird, richtet sich die Aufmerksamkeit oft sehr schnell auf den Bauch.
Dabei spielt der Brustkorb eine entscheidende Rolle.
Er muss sich beim Einatmen verändern können und während der Ausatmung gleichzeitig so organisiert bleiben, dass die Luft kontrolliert abgegeben werden kann.
Ist der Brustkorb in bestimmten Bereichen wenig beweglich oder wird er sehr stark fixiert, verändert das auch die Bedingungen für das Zwerchfell und für die Druckregulation im gesamten Rumpf.
Deshalb kann es wenig hilfreich sein, Atemarbeit ausschließlich mit Anweisungen wie
„Bauch raus“,
„Bauch fest“
oder
„Bauch einziehen“
zu erklären.
Sie greifen jeweils nur einen kleinen Teil eines wesentlich größeren Systems heraus.
Stütze ist deshalb vermutlich kein einzelner Vorgang
Vielleicht liegt genau hier ein Teil der jahrzehntelangen Verwirrung.
Wir sprechen von der Stütze, als wäre sie etwas, das man besitzt oder einschaltet.
Funktionell betrachtet beschreibt das Wort aber vermutlich eher das Ergebnis einer gelungenen Koordination:
Der Körper kann den für den Klang notwendigen Druck und Luftstrom erzeugen und regulieren, ohne dabei mehr Spannung aufzubauen als nötig.
Diese Koordination verändert sich permanent.
Sie hängt von Lautstärke, Tonhöhe, Instrument, musikalischer Phrase, Körperposition und vielen weiteren Faktoren ab.
Deshalb kann sich gute „Stütze“ bei einem Pianissimo vollkommen anders anfühlen als bei einem kräftigen Einsatz im hohen Register.
Weg vom Muskelbefehl – hin zur Funktion
Für mich liegt darin ein hilfreicher Perspektivwechsel.
Statt zu fragen:
„Wie muss ich meinen Bauch anspannen, damit ich richtig stütze?“
können wir fragen:
Was soll die Stütze eigentlich ermöglichen?
Sie soll einen musikalisch passenden Luftstrom ermöglichen.
Sie soll Druck regulieren.
Sie soll dem Klang Tragfähigkeit geben.
Und sie sollte all das möglichst tun, ohne die Bewegungsfreiheit des Körpers unnötig einzuschränken.
Damit wird Stütze weniger zu einer festen Technik und mehr zu einer funktionellen Aufgabe.
Und diese Aufgabe kann von Mensch zu Mensch etwas unterschiedlich organisiert werden.
Bedeutet das, dass wir den Begriff „Stütze“ abschaffen sollten?
Nicht unbedingt.
Begriffe haben eine Geschichte, und sie können für Musiker sehr wertvoll sein.
Wenn eine Lehrerin sagt:
„Da war die Stütze besser“,
und beide Beteiligten wissen genau, welches körperliche und klangliche Erlebnis damit gemeint ist, kann dieser Begriff hervorragend funktionieren.
Problematisch wird er erst dann, wenn wir annehmen, dass alle Menschen darunter dasselbe verstehen.
Deshalb finde ich es sinnvoller, den Begriff nicht abzuschaffen, sondern genauer zu hinterfragen.
Was verändert sich gerade tatsächlich?
Wird die Ausatmung besser reguliert?
Bleibt der Brustkorb beweglich?
Entsteht unnötige Spannung?
Kann der Körper auf unterschiedliche musikalische Anforderungen reagieren?
Und vor allem:
Hilft die gewählte Strategie tatsächlich beim Musizieren?
Tradition und modernes Körperwissen müssen keine Gegensätze sein
Historische Gesangsschulen und Instrumentalpädagoginnen hatten nicht dieselben anatomischen und physiologischen Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen.
Dafür besaßen sie jahrzehntelange Erfahrung darin, Klang wahrzunehmen, körperliche Veränderungen zu beobachten und diese über Sprache und Bilder weiterzugeben.
Diese Erfahrung sollten wir nicht gegen modernes Körperwissen ausspielen.
Beides kann sich ergänzen.
Ein pädagogisches Bild kann weiterhin ausgesprochen wertvoll sein.
Unser heutiges Wissen über Atmung, Brustkorb, Druckregulation und Körperorganisation kann uns jedoch dabei helfen, besser zu verstehen, warum ein Bild bei einer Person funktioniert und bei einer anderen nicht.
Und vielleicht können wir dadurch auch erkennen, wann eine traditionelle Vorstellung mehr Freiheit schafft – und wann sie unnötiges Festhalten erzeugt.
Stütze neu denken
Vielleicht brauchen wir deshalb gar keine völlig neue Definition.
Vielleicht reicht zunächst eine andere Frage.
Nicht:
„Wie stütze ich richtig?“
Sondern:
„Was muss mein Körper gerade ermöglichen, damit der gewünschte Klang entstehen kann?“
Damit verschiebt sich der Fokus weg von einer einzelnen Muskelaktion und hin zu einer dynamischen Koordination von Atmung, Druck, Bewegung und Klang.
Das Ziel bleibt dabei dasselbe wie schon vor Jahrhunderten:
ein tragfähiger Klang, der sich musikalisch formen lässt.
Nur unser Blick darauf kann differenzierter werden.
Ein neuer Weg liegt deshalb nicht in der Ablösung aller bisherigen Modelle, sondern in ihrer Ergänzung durch funktionelle Prinzipien.