Das Zwerchfell ist mehr als ein Atemmuskel

Wenn über Atmung gesprochen wird, fällt früher oder später ein Begriff: Zwerchfell.

Die meisten Menschen wissen, dass das Zwerchfell unser wichtigster Atemmuskel ist. Häufig bleibt das Bild jedoch ungefähr hier stehen:

Beim Einatmen senkt sich das Zwerchfell.
Beim Ausatmen hebt es sich wieder.

Das ist als erste Erklärung nicht falsch. Es erzählt aber nur einen kleinen Teil der Geschichte.

Denn das Zwerchfell arbeitet nicht isoliert. Es ist anatomisch in Brustkorb und Rumpf eingebunden, verändert mit jedem Atemzug die räumlichen Verhältnisse im Körper und arbeitet immer innerhalb der Position, in der sich unser Körper gerade befindet.

Wer das Zwerchfell verstehen möchte, muss deshalb mehr betrachten als nur den Muskel selbst.

Wo liegt das Zwerchfell?

Das Zwerchfell bildet eine kuppelförmige muskuläre Trennwand zwischen Brust- und Bauchraum.

Es ist unter anderem mit den unteren Rippen, dem Brustbein und Strukturen der Lendenwirbelsäule verbunden. Oberhalb befinden sich Herz und Lungen, unterhalb liegen die Organe des Bauchraums.

Schon diese Lage zeigt, warum das Zwerchfell für mich so interessant ist:

Es befindet sich mitten in einem Bereich, in dem Atmung, Brustkorb, Wirbelsäule und Druckverhältnisse im Rumpf unmittelbar zusammenkommen.

Es arbeitet also niemals in einem leeren Raum.

Was passiert beim Einatmen?

Beim Einatmen kontrahiert das Zwerchfell und verändert seine Form. Dadurch kann sich der Brustraum vergrößern und Luft in die Lungen einströmen.

Gleichzeitig bewegen sich jedoch auch die Rippen und der gesamte Brustkorb verändert seine Form.

Atmung ist deshalb keine reine Auf-und-ab-Bewegung des Zwerchfells.

Ein beweglicher Brustkorb kann sich beim Einatmen in verschiedene Richtungen erweitern: nach vorne, zu den Seiten und auch nach hinten.

Deshalb spreche ich gerne von dreidimensionaler Atmung.

Damit ist keine Atemtechnik gemeint, die wir möglichst perfekt ausführen sollen. Es beschreibt vielmehr, dass Atmung räumliche Veränderung bedeutet.

Der Brustkorb verändert mit jedem Atemzug seine Form.

Das Zwerchfell arbeitet nicht allein

Wenn wir Atemübungen machen, entsteht schnell die Vorstellung, wir müssten lernen, unser Zwerchfell bewusst „richtig“ einzusetzen.

Doch Atmung entsteht nicht durch einen einzelnen Muskel.

Das Zwerchfell arbeitet gemeinsam mit der Bewegung der Rippen und des Brustkorbs. Auch Zwischenrippenmuskeln, Bauchwand und weitere Strukturen sind je nach Situation an der Atembewegung beteiligt.

Gleichzeitig verändern sich die Druckverhältnisse innerhalb des Rumpfes, auf die unter anderem auch die Bauchwand und der Beckenboden reagieren.

Atmung lässt sich deshalb sinnvoller als koordiniertes Bewegungs- und Drucksystem verstehen als als Tätigkeit eines einzelnen Muskels.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Denn sobald wir nur auf das Zwerchfell oder nur auf den Bauch schauen, verlieren wir einen Teil des Zusammenhangs aus dem Blick.

Automatisch – und trotzdem beeinflussbar

Ein besonders spannender Aspekt unserer Atmung ist, dass sie automatisch funktioniert und gleichzeitig bewusst beeinflusst werden kann.

Du musst nachts nicht daran denken weiterzuatmen. Atemzentren im Hirnstamm regulieren fortlaufend unsere Atmung entsprechend dem Bedarf des Körpers.

Gleichzeitig kannst du jetzt bewusst tiefer einatmen, langsamer ausatmen oder für einen Moment den Atem anhalten.

Das Zwerchfell wird motorisch über den Nervus phrenicus angesteuert. Dieser entspringt im Halsbereich und zieht von dort zum Zwerchfell.

Doch zu wissen, welcher Nerv einen Muskel ansteuert, erklärt noch nicht vollständig, wie sich die Atmung in einer konkreten Situation zeigt.

Denn Atmung passt sich ständig an die jeweilige Aufgabe an.

Im Schlaf anders als beim Laufen.

Beim Sprechen anders als beim Krafttraining.

Beim entspannten Sitzen anders als beim Hornspielen.

Der entscheidende Begriff ist Kontext

Genau hier kommen wir zu einem Gedanken, der für mein gesamtes Körperverständnis wichtig ist:

Eine Struktur funktioniert immer innerhalb eines Kontextes.

Das gilt auch für das Zwerchfell.

Wie es arbeiten kann, hängt unter anderem davon ab, in welcher Position sich Brustkorb und Rumpf befinden, wie beweglich die Rippen sind und welche Atemanforderung gerade besteht.

Vielleicht hast du selbst schon bemerkt, dass sich deine Atmung in unterschiedlichen Positionen vollkommen anders anfühlt.

Im Liegen anders als im Stehen.

Zusammengesunken anders als aufgerichtet.

In Ruhe anders als unter Belastung.

Das ist kein Zufall.

Wenn sich die Position des Körpers verändert, verändern sich auch die mechanischen Bedingungen für die Atmung.

Deshalb lässt sich Atmung nicht vollständig von Haltung und Bewegung trennen.

Auch das Zwerchfell ist asymmetrisch

Hinzu kommt eine Besonderheit, die für meine Arbeit besonders relevant ist:

Auch das Zwerchfell ist rechts und links nicht vollkommen gleich organisiert.

Unter der rechten Zwerchfellhälfte liegt die große Leber, während links andere räumliche Bedingungen bestehen. Auch die anatomischen Verbindungen und die Form unterscheiden sich zwischen beiden Seiten.

Das Zwerchfell ist damit ein weiteres Beispiel für einen grundlegenden Sachverhalt:

Unser Körper ist nicht symmetrisch gebaut.

Das ist zunächst kein Problem.

Entscheidend ist nicht, ob beide Seiten des Körpers identisch funktionieren. Viel interessanter ist, ob unser Körper trotz seiner natürlichen Asymmetrie unterschiedliche Positionen erreichen und zwischen seinen beiden Seiten wechseln kann.

Wenn du diesen Zusammenhang genauer verstehen möchtest:

→ Warum dein Körper nicht symmetrisch ist

Warum der Brustkorb so wichtig ist

Wenn Menschen beginnen, sich mit Atmung zu beschäftigen, richtet sich ihre Aufmerksamkeit häufig sehr schnell auf den Bauch.

„Atme in den Bauch.“

„Lass den Bauch locker.“

„Zieh beim Ausatmen den Bauch ein.“

Solche Hinweise können in bestimmten Situationen hilfreich sein. Sie greifen aber immer nur einen Ausschnitt des gesamten Atemvorgangs heraus.

Das Zwerchfell steht in enger mechanischer Beziehung zum Brustkorb.

Wenn sich die Rippen und bestimmte Bereiche des Brustkorbs kaum verändern können, verändert das auch die Bedingungen, unter denen das Zwerchfell arbeitet.

Deshalb interessiert mich bei Atemarbeit nicht nur:

Was macht der Bauch?

Sondern ebenso:

Wo kann sich der Brustkorb beim Atmen verändern – und wo gerade weniger?

Kann sich die Rückseite des Brustkorbs erweitern?

Können sich die seitlichen Rippen bewegen?

Kann sich der Brustkorb während der Ausatmung wieder verändern?

Diese Fragen liefern häufig ein differenzierteres Bild als die Vorstellung, Atmung müsse hauptsächlich im Bauch stattfinden.

Atmung und Bewegung beeinflussen sich gegenseitig

Unsere Körperposition beeinflusst also unsere Atmung.

Aber die Beziehung funktioniert auch in die andere Richtung.

Mit jedem Atemzug bewegen sich Rippen und Brustkorb. Druckverhältnisse verändern sich, und damit ändern sich auch die mechanischen Voraussetzungen innerhalb des Rumpfes.

Atmung ist deshalb nicht etwas, das zusätzlich zur Bewegung geschieht.

Sie ist selbst Bewegung.

Und genau deshalb kann sie die Bedingungen beeinflussen, unter denen andere Bewegungen stattfinden.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jede Bewegungseinschränkung durch das Zwerchfell verursacht wird oder dass wir jedes körperliche Problem „wegatmen“ könnten.

Der Körper funktioniert nicht so einfach.

Aber Atmung ist ein Teil unserer körperlichen Organisation und kann deshalb sinnvollerweise mitgedacht werden, wenn wir Bewegung betrachten.

Warum das Zwerchfell bei PRI eine zentrale Rolle spielt

Auch im Postural Restoration Institute – PRI® spielt das Zwerchfell eine wichtige Rolle.

Das hängt unter anderem mit der natürlichen Asymmetrie des Körpers und der engen Verbindung zwischen Atmung, Brustkorb und Körperposition zusammen.

PRI betrachtet Atmung deshalb nicht isoliert als Atemtechnik. Vielmehr wird untersucht, wie Brustkorb, Zwerchfell und Becken organisiert sind und welche Positionen dem Körper dadurch zur Verfügung stehen.

Ateminterventionen können dabei helfen, bestimmte Bereiche des Brustkorbs wieder besser zugänglich zu machen und die Voraussetzungen für eine veränderte Körperorganisation zu schaffen.

Ob eine Intervention tatsächlich passend war, wird anschließend über entsprechende Tests überprüft.

Wenn du genauer verstehen möchtest, wie PRI auf Asymmetrie, Bewegung und Atmung schaut:

→ Was ist PRI®? Asymmetrie, Atmung und Bewegung verständlich erklärt

Es gibt nicht die eine „richtige“ Atmung

Je mehr wir über Atmung lernen, desto größer wird manchmal die Versuchung, nun möglichst immer „richtig“ atmen zu wollen.

Doch genau das wäre wieder eine sehr starre Vorstellung.

Unsere Atmung muss sich anpassen können.

Beim Schlafen brauchen wir etwas anderes als beim Sport.

Beim Sprechen etwas anderes als beim Musizieren.

Ein kräftiger Einsatz auf dem Horn stellt andere Anforderungen als ein langer, ruhiger Ton.

Ein anpassungsfähiges Atemsystem zeichnet sich deshalb nicht dadurch aus, dass es permanent dasselbe ideale Atemmuster wiederholt.

Es kann auf unterschiedliche Anforderungen reagieren.

Die interessantere Frage lautet deshalb nicht:

„Atme ich richtig?“

Sondern:

„Welche Möglichkeiten stehen meinem Atemsystem zur Verfügung?“

Warum das Zwerchfell ein guter Einstieg in Körperverständnis ist

Genau deshalb eignet sich das Zwerchfell so gut, um den eigenen Körper etwas anders betrachten zu lernen.

Wir können wissen, wo dieser Muskel liegt.

Wir können seinen Nerv benennen.

Wir können beschreiben, was beim Einatmen geschieht.

Doch erst wenn wir Brustkorb, Körperposition, Druckverhältnisse, Bewegung und die jeweilige Aufgabe mitdenken, entsteht daraus ein funktioneller Zusammenhang.

Und genau darin liegt für mich ein wichtiger Unterschied zwischen Wissen und Verstehen.

Das Zwerchfell ist deshalb mehr als ein Atemmuskel.

Nicht weil wir ihm möglichst viele geheimnisvolle Funktionen zuschreiben müssen, sondern weil seine eigentliche Funktion nur im Zusammenspiel mit dem restlichen Körper sinnvoll verständlich wird.

Vielleicht ist es genau deshalb ein so guter Ausgangspunkt, um unseren Körper als das zu betrachten, was er ist:

kein Nebeneinander einzelner Teile, sondern ein System, dessen Teile ihre Funktion erst im Zusammenhang entfalten.

Wenn dich interessiert, warum mir dieses Verständnis wichtiger ist als das bloße Ausführen einzelner Übungen, findest du dazu den Grundlagenartikel:

→ Know thyself – warum Verständnis wichtig ist

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Was ist PRI®?