Was ist PRI®?

PRI

Asymmetrie, Atmung und Bewegung verständlich erklärt

Wenn wir über Haltung, Bewegung oder körperliche Beschwerden sprechen, steckt häufig eine bestimmte Vorstellung dahinter: Der menschliche Körper sollte möglichst symmetrisch funktionieren.

Beide Schultern gleich hoch, beide Beine gleich beweglich, das Becken gerade, rechts und links möglichst identisch.

PRI® – kurz für Postural Restoration Institute – beginnt an einem anderen Punkt.

Der menschliche Körper ist von Natur aus asymmetrisch aufgebaut. Unsere Organe sind unterschiedlich verteilt, die beiden Lungen sind nicht identisch, und auch das Zwerchfell hat auf der rechten und linken Seite unterschiedliche anatomische Voraussetzungen.

Für PRI ist diese Asymmetrie kein nebensächliches Detail. Sie bildet einen wichtigen Ausgangspunkt dafür, zu verstehen, wie wir stehen, atmen und uns bewegen. Das Institut beschäftigt sich ausdrücklich mit posturalen Anpassungen, asymmetrischen Mustern und den daraus entstehenden Bewegungsstrategien.

Dabei geht es jedoch nicht darum, den Menschen anatomisch symmetrisch zu machen.

Entscheidend ist vielmehr, ob wir trotz unserer natürlichen Asymmetrie in der Lage sind, beide Körperseiten zu nutzen und zwischen ihnen zu wechseln.

Unser Körper ist von Natur aus asymmetrisch

Ein Blick in unseren Körper zeigt schnell, dass rechts und links nicht spiegelgleich aufgebaut sind.

Das Herz liegt überwiegend auf der linken Seite, die Leber größtenteils rechts. Die rechte und linke Lunge unterscheiden sich voneinander, und auch das Zwerchfell arbeitet aufgrund seiner Form, seiner Verankerung und der darunterliegenden Organe auf beiden Seiten unter unterschiedlichen Voraussetzungen.

Diese Unterschiede beeinflussen auch die Bedingungen, unter denen sich Brustkorb, Becken und der restliche Körper organisieren.

Das bedeutet nicht, dass eine Körperseite „richtig“ und die andere „falsch“ ist.

Es bedeutet zunächst:

Rechts und links sind verschieden.

Wenn du genauer verstehen möchtest, warum diese Asymmetrie vollkommen normal ist und weshalb sie nicht einfach „wegkorrigiert“ werden sollte, findest du dazu einen eigenen Artikel:

→ Warum dein Körper nicht symmetrisch ist

Asymmetrie bedeutet nicht, dass wir auf einer Seite bleiben sollen

Auch Bewegung selbst ist ständig asymmetrisch.

Beim Gehen befindet sich unser Gewicht nicht gleichmäßig auf beiden Beinen. Eine Seite übernimmt gerade Stand, während die andere eine andere Aufgabe innerhalb des Schrittes erfüllt. Becken, Brustkorb und Arme organisieren sich entsprechend mit.

Kurz darauf wechseln die Seiten ihre Rollen.

Genau dieser Wechsel ist entscheidend.

PRI beschreibt beispielsweise die Fähigkeit, beim Gehen und Atmen zwischen unterschiedlichen rechts- und linksorientierten Mustern zu alternieren und dabei durch Neutralität hindurchzugehen.

Das Ziel ist deshalb nicht, den Körper in einer symmetrischen Mittelposition festzuhalten.

Es geht darum, eine Ausgangslage wieder erreichen zu können, aus der Bewegung in beide Richtungen möglich wird.

Von natürlicher Asymmetrie zu einem Pattern

Unsere anatomische Asymmetrie begünstigt bestimmte neuromuskuläre und positionelle Muster.

Eines der bekanntesten Beispiele im PRI ist der sogenannte Left-AIC-Pattern, der häufig mit einem Right-BC-Pattern des Oberkörpers verbunden ist. PRI beschreibt dabei eine bestimmte Orientierung von Becken, Brustkorb und den daran beteiligten Muskelketten, die beeinflusst, welche Positionen und Bewegungsrichtungen leichter oder schwerer erreichbar sind.

Das Wort „Pattern“ meint hier also mehr als eine harmlose persönliche Vorliebe.

Es beschreibt eine wiederkehrende Organisation des Körpers, die unsere verfügbaren Bewegungsmöglichkeiten beeinflussen kann.

Wenn der Körper in einem solchen Pattern festgehalten wird, können bestimmte Positionen zunehmend schwer erreichbar werden. Genau deshalb arbeitet PRI zunächst daran, den Körper aus dieser Organisation wieder in Richtung Neutralität zu bringen.

Was bedeutet „Neutralität“ bei PRI?

Neutralität bedeutet dabei nicht, dass der Körper anatomisch plötzlich symmetrisch wird.

Herz, Leber, Zwerchfell und unsere anderen strukturellen Unterschiede bleiben natürlich bestehen.

Gemeint ist vielmehr eine positionelle Ausgangslage, aus der heraus der Körper wieder Zugang zu unterschiedlichen Bewegungsrichtungen bekommen kann. PRI spricht in diesem Zusammenhang von Repositionierung und beschreibt beispielsweise die Wiederherstellung einer neutraleren Beckenposition als Voraussetzung für weitere Bewegung.

Man könnte es vereinfacht so sagen:

Neutralität ist nicht das Endziel einer Bewegung, sondern ein Übergangsraum.

Wir wollen nicht dauerhaft dort stehen bleiben.

Wir wollen von dort aus wieder nach rechts und nach links, in Stand und Schwung, in unterschiedliche Rotationen und Positionen gelangen können.

Erst dadurch wird wirklicher Wechsel möglich.

Und wo kommen Kompensationen ins Spiel?

Hier wird ein weiterer Begriff wichtig, der bei PRI eine große Rolle spielt: Kompensation.

Unser Körper muss trotz seiner asymmetrischen Ausgangslage aufrecht stehen, gehen, atmen und sich unter dem Einfluss der Schwerkraft bewegen können. Dafür nutzt er Anpassungsstrategien.

Kompensation ist deshalb nicht grundsätzlich etwas Schlechtes.

PRI beschreibt sogar, dass beim aufrechten Gehen bestimmte kompensatorische Anpassungen notwendig sind und gut funktionieren können – solange der Körper in der Lage ist, von einem Bewegungsmuster durch Neutralität in ein anderes zu wechseln.

Problematisch wird es, wenn dieser Wechsel nicht mehr ausreichend möglich ist und der Körper dauerhaft in derselben Strategie bleibt.

Dann können zusätzliche Kompensationen notwendig werden, damit Bewegung trotzdem funktioniert. Manche Strukturen müssen mehr übernehmen, andere Möglichkeiten werden weniger genutzt, und der Körper wird zunehmend abhängig von bestimmten Lösungen.

Das Ziel besteht deshalb nicht darin, dem Körper jede Form von Kompensation zu verbieten.

Vielmehr geht es darum, die Bedingungen so zu verändern, dass problematische Kompensationen nicht mehr dauerhaft notwendig sind und der Körper wieder mehr Möglichkeiten zur Verfügung hat.

Wenn du genauer verstehen möchtest, warum Kompensation zunächst eine sinnvolle Fähigkeit unseres Körpers ist und wann sie problematisch werden kann, findest du dazu einen eigenen Artikel:

→ Kompensation verstehen – und nachhaltig damit umgehen

Warum Atmung bei PRI eine so große Rolle spielt

Ein weiterer zentraler Bestandteil von PRI ist die Atmung.

Dabei wird Atmung nicht nur unter dem Gesichtspunkt betrachtet, wie viel Luft wir ein- oder ausatmen.

Mit jedem Atemzug verändert sich die Form unseres Brustkorbs. Das Zwerchfell bewegt sich, Rippen verändern ihre Position, und innerhalb des Rumpfes verändern sich Druck- und Raumverhältnisse.

Gleichzeitig ist auch das Zwerchfell selbst asymmetrisch organisiert. Die rechte und linke Hälfte haben aufgrund ihrer anatomischen Umgebung unterschiedliche Voraussetzungen. PRI beschäftigt sich deshalb sehr intensiv mit dem Zusammenspiel von Zwerchfell, Brustkorb, Becken und Bewegung.

Atmung und Körperposition lassen sich aus dieser Perspektive nicht sinnvoll voneinander trennen.

Wenn bestimmte Bereiche des Brustkorbs nur eingeschränkt expandieren können, beeinflusst das die Bedingungen, unter denen sich der restliche Körper organisiert. Umgekehrt beeinflusst unsere Position wiederum, wie und wo sich der Brustkorb beim Atmen bewegen kann.

Deshalb geht es bei PRI nicht einfach darum, „richtig zu atmen“.

Es geht darum zu verstehen, wie Atmung dazu beiträgt, bestimmte Positionen zu halten, zu verlassen und neue Positionen überhaupt erst zugänglich zu machen.

Haltung ist keine Position, die wir festhalten sollen

Auch der Begriff Haltung bekommt dadurch eine andere Bedeutung.

Haltung wird häufig als etwas Statisches verstanden: eine richtige Position, die möglichst dauerhaft gehalten werden sollte.

PRI betrachtet Haltung stärker als Ausdruck davon, wie unser Körper organisiert ist und welche Bewegungsmöglichkeiten ihm momentan zur Verfügung stehen. Das Institut beschreibt Haltung unter anderem im Zusammenhang mit asymmetrischen Mustern, Atmung und posturalen Anpassungen.

Eine Position kann für einen Moment sinnvoll sein und muss im nächsten Moment wieder verlassen werden können.

Deshalb geht es nicht darum, eine perfekte Haltung zu finden und sie festzuhalten.

Es geht darum, nicht in einer Haltung festzustecken.

Wie PRI praktisch arbeitet

Um herauszufinden, welche Positionen und Bewegungsmöglichkeiten aktuell verfügbar sind, arbeitet PRI mit verschiedenen objektiven Tests.

Diese Tests dienen nicht nur dazu, eine Ausgangssituation festzustellen.

Ein wesentlicher Teil der Arbeit besteht darin, sie anschließend erneut zu überprüfen.

Zunächst wird getestet. Danach wird eine gezielte Intervention gewählt – beispielsweise eine bestimmte Position, Bewegung oder Atemtechnik – und anschließend derselbe Test wiederholt.

Der Re-Test zeigt, ob die gewählte Intervention den Test in die gewünschte Richtung verändert hat.

Verändert sich das Ergebnis, liefert das einen wichtigen Hinweis darauf, dass die Intervention für die aktuelle Situation passend gewählt war. PRI nutzt beispielsweise mehrere Tests gemeinsam, um funktionelle Zusammenhänge und vorhandene Patterns einzuschätzen.

Die Übung wird also nicht allein deshalb ausgewählt, weil sie theoretisch zu einem bestimmten Muskel oder einer bestimmten Beschwerde passen könnte.

Entscheidend ist auch:

Verändert sie tatsächlich das, was wir verändern wollten?

Warum kleine Veränderungen manchmal viel bewirken

Vielleicht kennst du das auch aus anderen Bereichen:

Eine Bewegung fühlt sich schwierig an. Du versuchst mehr Kraft einzusetzen, intensiver zu dehnen oder die Bewegung noch bewusster zu kontrollieren – und trotzdem verändert sich wenig.

Dann verändert sich eine scheinbar kleine Ausgangsbedingung, und plötzlich ist dieselbe Bewegung anders möglich.

Als Musikerin kenne ich dieses Prinzip sehr gut.

Ein kleiner Unterschied im Winkel, im Timing, in der Atmung oder in der Organisation des Körpers kann das gesamte Spielgefühl verändern. Nicht unbedingt, weil plötzlich mehr Kraft vorhanden ist, sondern weil sich die Voraussetzungen verändert haben, unter denen die Bewegung stattfindet.

Auch bei PRI können deshalb vergleichsweise kleine Veränderungen der Position oder der Atmung einen deutlichen Unterschied machen.

Ob die Intervention tatsächlich sinnvoll war, entscheidet sich jedoch nicht allein daran, ob sie sich interessant oder ungewohnt anfühlt.

Sie wird überprüft.

Genau dafür ist der Re-Test so wichtig.

Was ist also das Ziel von PRI?

Das Ziel ist weder perfekte Symmetrie noch eine perfekte Haltung.

Unsere anatomische Asymmetrie bleibt bestehen.

PRI versucht vielmehr, einen Körper, der in einer bestimmten Organisation festgehalten ist, wieder in Richtung Neutralität zu repositionieren und von dort aus den Wechsel zwischen beiden Seiten wieder zugänglich zu machen.

Dadurch können Bewegungsmöglichkeiten zurückkehren, die zuvor eingeschränkt waren, und manche Kompensationsstrategien werden möglicherweise nicht mehr in demselben Maß benötigt.

Vereinfacht lässt sich die Logik deshalb so zusammenfassen:

Wir sind anatomisch asymmetrisch.

Diese Asymmetrie begünstigt bestimmte Patterns.

Wenn wir in diesen Patterns festgehalten werden, gehen Bewegungsmöglichkeiten verloren und zusätzliche Kompensationen können notwendig werden.

PRI arbeitet deshalb zunächst an Repositionierung und Neutralität und anschließend daran, Alternation und Wechsel zwischen beiden Seiten wiederherzustellen.

Das Ziel ist nicht, Asymmetrie abzuschaffen.

Das Ziel ist, innerhalb unserer Asymmetrie wieder beweglich zu werden.

Ein anderer Blick auf Bewegung

Für mich ist genau das einer der spannendsten Aspekte von PRI.

Der Blick verschiebt sich von der Frage:

„Wo ist etwas falsch?“

hin zu Fragen wie:

Welche Position nimmt mein Körper gerade ein?

Welche Bewegungsrichtungen sind gut verfügbar und welche nicht?

In welchem Pattern ist mein Körper organisiert?

Welche Kompensationen braucht er, um innerhalb dieser Organisation trotzdem zu funktionieren?

Welche Rolle spielen dabei Atmung, Brustkorb und Becken?

Und verändert eine gezielte Intervention anschließend tatsächlich die Tests?

Dadurch entsteht ein differenzierter Blick auf Bewegung.

Die natürliche Asymmetrie unseres Körpers ist dabei nicht das Problem.

Entscheidend ist, ob wir innerhalb dieser Asymmetrie Zugang zu Neutralität und anschließend zum Wechsel zwischen beiden Seiten haben.

Du möchtest wissen, wie ich mit diesen Prinzipien im 1:1 arbeite?

In meiner 1:1-Arbeit nutze ich unter anderem Prinzipien, Tests und Interventionen des Postural-Restoration-Ansatzes und verbinde sie mit meiner Arbeit rund um Bewegung und Atmung.

→ Mehr über meine 1:1-Arbeit

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