Know thyself – warum Verständnis wichtig ist

„Kenne dich selbst“ – ein alter Gedanke mit überraschender Aktualität

„Kenne dich selbst.“

Der Satz stammt aus der Antike und begleitet uns seit Jahrhunderten. Meist denken wir dabei an Persönlichkeit, Entscheidungen oder die Frage, wer wir eigentlich sind.

Doch der Gedanke lässt sich auch auf unseren Körper übertragen.

Wie gut kennst du deinen eigenen Körper?

Nicht im Sinne davon, jeden Muskel beim Namen nennen oder anatomische Strukturen auswendig lernen zu können. Sondern im Sinne von:

Verstehst du zunehmend, warum dein Körper so reagiert, wie er reagiert?

Genau darin liegt für mich ein wichtiger Unterschied.

Wir suchen häufig zuerst nach Lösungen

Wenn etwas nicht gut funktioniert, ist unser erster Impuls verständlich: Wir möchten es verändern.

Vielleicht fühlt sich ein Bereich des Körpers ständig verspannt an. Eine Bewegung funktioniert nicht mehr so leicht. Die Atmung fühlt sich eingeschränkt an oder bestimmte Beschwerden tauchen immer wieder auf.

Also suchen wir nach Lösungen.

Nach einer Übung.
Nach einer Technik.
Nach einem Stretch.
Nach einer Atemmethode.

Und daran ist zunächst nichts falsch.

Eine Übung kann sehr wohl etwas verändern. Manchmal sogar erstaunlich schnell.

Doch irgendwann stellt sich eine zweite Frage:

Warum funktioniert gerade diese Übung?

Diese Frage finde ich mindestens genauso interessant wie die Übung selbst.

Funktionieren ist gut – verstehen ist nachhaltiger

Angenommen, eine bestimmte Übung verbessert plötzlich deine Beweglichkeit.

Du könntest sie einfach regelmäßig machen und dich darüber freuen.

Du könntest aber auch beginnen zu beobachten:

Was verändert sich dabei eigentlich?

Welche Position kann mein Körper danach besser erreichen?

Verändert sich meine Atmung?

Kann ich Gewicht anders verlagern?

Fühlt sich eine Bewegung anschließend leichter an?

Aus einer Übung wird dadurch nach und nach mehr als eine Anweisung, die du befolgst.

Sie wird zu einer Möglichkeit, etwas über deinen eigenen Körper zu lernen.

Und genau hier beginnt für mich echtes Verständnis.

Verständnis bedeutet nicht, alles selbst lösen zu müssen

Dabei geht es nicht darum, irgendwann keine Therapeutin, keinen Arzt, keinen Trainer oder Coach mehr zu brauchen.

Wir können und müssen nicht jedes Problem selbst beurteilen.

Verständnis verändert vielmehr die eigene Rolle.

Statt ausschließlich Anweisungen auszuführen, kannst du zunehmend nachvollziehen, was mit einer Intervention erreicht werden soll. Du kannst Veränderungen beobachten, bessere Fragen stellen und Zusammenhänge erkennen.

Du wirst damit aktiver beteiligt.

Das ist für mich ein wichtiger Teil von Selbstwirksamkeit.

Nicht:

„Ich muss alles selbst können.“

Sondern:

„Ich beginne zu verstehen, was in meinem Körper passiert.“

Einzelne Fakten sind noch kein Verständnis

Ein Beispiel dafür ist das Zwerchfell.

Viele Menschen wissen:

Das Zwerchfell ist unser wichtigster Atemmuskel.

Das ist richtig.

Aber damit wissen wir noch relativ wenig darüber, wie Atmung tatsächlich funktioniert.

Denn ein Muskel arbeitet niemals vollkommen isoliert.

Das Zwerchfell verändert beim Atmen seine Form und Position. Gleichzeitig bewegen sich die Rippen, der Brustkorb verändert sein Volumen, Druckverhältnisse im Rumpf verändern sich, und all das findet innerhalb einer bestimmten Körperposition statt.

Zu wissen, welcher Muskel beteiligt ist, ist deshalb etwas anderes, als zu verstehen, unter welchen Bedingungen dieser Muskel arbeitet.

Genau an diesem Punkt wird der Kontext interessant.

Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, findest du dazu einen eigenen Artikel:

→ Das Zwerchfell ist mehr als ein Atemmuskel

Der Körper funktioniert immer im Kontext

Wir neigen dazu, den Körper in Einzelteile zu zerlegen.

Hier der Muskel.

Dort das Gelenk.

Hier die Atmung.

Dort das Nervensystem.

Für das Lernen ist diese Aufteilung hilfreich. In Wirklichkeit arbeiten diese Bereiche jedoch nicht unabhängig voneinander.

Eine Bewegung verändert die Bedingungen für die Atmung. Eine andere Körperposition verändert, welche Bewegungen möglich sind. Belastung verändert Muskelaktivität und Atembedarf.

Das bedeutet nicht, dass immer „alles mit allem“ zusammenhängt und wir deshalb nichts mehr konkret betrachten können.

Es bedeutet vielmehr:

Eine Struktur bekommt ihre Bedeutung immer innerhalb der Aufgabe, die der Körper gerade lösen muss.

Genau deshalb reicht eine einzelne Information häufig nicht aus.

Wir brauchen Zusammenhänge.

Warum mir Wissensvermittlung deshalb so wichtig ist

Genau diesen Blick möchte ich mit meiner Arbeit vermitteln.

Nicht, damit jeder Mensch zum Anatomieexperten wird.

Und auch nicht, damit wir bei jeder Bewegung möglichst viel über unseren Körper nachdenken.

Im Gegenteil: Gute Bewegung sollte irgendwann wieder selbstverständlich werden.

Aber Wissen kann uns dabei helfen, die richtigen Fragen zu stellen.

Warum fühlt sich eine Übung heute anders an als gestern?

Warum funktioniert eine Bewegung auf einer Seite besser?

Warum hilft mir eine Intervention, während eine andere kaum etwas verändert?

Warum braucht mein Körper möglicherweise eine bestimmte Strategie?

Je besser wir solche Zusammenhänge verstehen, desto weniger müssen wir jede Reaktion sofort als Fehler betrachten.

Wir können neugieriger werden.

Und präziser.

Verstehen statt nur korrigieren

Gerade beim Körper entsteht schnell das Gefühl, etwas müsse korrigiert werden.

Die Haltung ist falsch.

Ein Muskel ist zu schwach.

Eine Seite ist zu fest.

Die Atmung funktioniert nicht richtig.

Manchmal gibt es tatsächlich etwas, das wir verändern möchten.

Doch bevor wir versuchen, etwas wegzumachen, lohnt sich häufig eine andere Frage:

Warum macht mein Körper das überhaupt?

Diese Frage führt oft weiter.

Denn unser Körper entwickelt Strategien nicht zufällig. Er versucht ständig, die Anforderungen des Alltags mit den Möglichkeiten zu lösen, die ihm gerade zur Verfügung stehen.

Wenn wir diese Strategien besser verstehen, können wir gezielter daran arbeiten, neue Möglichkeiten zu schaffen.

„Kenne dich selbst“ bedeutet für mich deshalb etwas sehr Praktisches

Es bedeutet nicht, jedes Detail des eigenen Körpers zu kontrollieren.

Es bedeutet auch nicht, ständig in sich hineinzuspüren.

Für mich bedeutet es vielmehr, den eigenen Körper nach und nach besser lesen zu lernen.

Zu erkennen, was sich verändert.

Zusammenhänge wahrzunehmen.

Zu verstehen, warum bestimmte Dinge helfen.

Und neugierig darauf zu werden, unter welchen Bedingungen der eigene Körper andere Lösungen finden kann.

Vielleicht ist genau das eine zeitgemäße Form von:

Kenne dich selbst.

Nicht indem du alles über dich weißt.

Sondern indem du beginnst, dich besser zu verstehen.

Dieser Artikel gehört zu den Grundlagen von Der gesunde Ton. Wenn du den Gedanken anhand eines konkreten Beispiels weiterverfolgen möchtest:

→ Das Zwerchfell ist mehr als ein Atemmuskel

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