und warum das entscheidend ist
Wenn wir an einen gut ausgerichteten Körper denken, haben viele von uns unbewusst ein ziemlich symmetrisches Bild vor Augen: rechts und links möglichst gleich, gerade, ausgeglichen und spiegelbildlich organisiert.
Unser Körper ist jedoch von Natur aus nicht so gebaut.
Herz, Leber, Lungen und auch das Zwerchfell schaffen auf beiden Seiten unterschiedliche anatomische Voraussetzungen. Diese Unterschiede sind kein Fehler im System, sondern Teil unserer normalen menschlichen Organisation.
Entscheidend ist deshalb nicht, ob rechts und links vollkommen gleich sind.
Entscheidend ist, ob dein Körper beide Seiten nutzen und zwischen ihnen wechseln kann.
Bewegung braucht Unterschiede
Das lässt sich besonders gut am Gehen beobachten.
Während ein Bein dein Gewicht trägt, schwingt das andere nach vorne. Gleichzeitig bewegen sich Becken, Brustkorb und Arme auf beiden Seiten unterschiedlich und koordinieren sich miteinander. Einen Moment später wechseln die Seiten ihre Aufgaben.
Gute Bewegung bedeutet also nicht, dass beide Körperhälften gleichzeitig dasselbe tun. Sie bedeutet vielmehr, dass unterschiedliche Aufgaben übernommen werden können und anschließend ein Wechsel möglich ist.
Unser Körper funktioniert nicht trotz seiner Unterschiede, sondern mit ihnen.
Die Asymmetrie beginnt schon im Inneren
Auch anatomisch sind wir nicht spiegelgleich aufgebaut.
Das Herz liegt überwiegend auf der linken Seite, die Leber größtenteils rechts, und auch die beiden Lungen unterscheiden sich voneinander. Dadurch entstehen im Brustkorb auf beiden Seiten unterschiedliche räumliche und mechanische Voraussetzungen.
Die Grafik macht gut sichtbar, was man sich sonst nur schwer vorstellen kann: Rechts und links beginnen nicht unter exakt denselben Bedingungen.
Und genau das ist normal.
Auch das Zwerchfell ist asymmetrisch
Ein gutes Beispiel dafür ist das Zwerchfell.
Vielleicht stellst du es dir als gleichmäßige Kuppel unterhalb deiner Lungen vor. Tatsächlich unterscheiden sich jedoch auch hier rechte und linke Seite.
Unter der rechten Zwerchfellhälfte liegt die große Leber, während auf der linken Seite andere räumliche Bedingungen herrschen. Auch Form und Verankerung unterscheiden sich zwischen beiden Seiten.
Die Asymmetrie im Zwerchfell
Für das Verständnis dieses Artikels musst du dir die anatomischen Einzelheiten gar nicht merken. Wichtig ist zunächst nur:
Rechts und links haben unterschiedliche Ausgangsbedingungen.
Unser Körper muss mit diesen Unterschieden umgehen und organisiert Bewegung und Atmung auf dieser Grundlage.
Unterschiedliche Voraussetzungen führen zu unterschiedlichen Vorlieben
Wenn eine Seite bestimmte Aufgaben leichter übernehmen kann als die andere, wird dein Körper diese Möglichkeit wahrscheinlich häufiger nutzen.
Das ist zunächst vollkommen normal.
Unser Nervensystem berechnet nicht jede Bewegung in jedem Moment neu, sondern greift bevorzugt auf Wege zurück, die vertraut, verfügbar und erfolgreich sind. Mit der Zeit entstehen dadurch bestimmte Vorlieben in Haltung und Bewegung.
Im PRI wird dafür häufig der Begriff Pattern verwendet.
Ein Pattern bedeutet zunächst lediglich, dass dein Körper bestimmte Organisationsformen leichter und häufiger nutzt als andere.
Das ist nicht automatisch problematisch.
Relevant wird es erst dann, wenn aus einer bevorzugten Strategie eine Art Einbahnstraße wird.
Das Problem ist nicht Asymmetrie
Wenn du beispielsweise leichter Gewicht auf dein rechtes Bein verlagerst als auf dein linkes, bedeutet das noch nicht automatisch, dass etwas falsch ist.
Interessant wird es dann, wenn dein Körper kaum noch anders kann.
Vielleicht lässt sich eine Seite problemlos belasten, während die andere kaum erreichbar ist. Vielleicht funktioniert Rotation in eine Richtung gut, während die Gegenrichtung deutlich eingeschränkt ist. Oder dein Körper greift immer wieder auf dieselbe Strategie zurück, obwohl die Situation eigentlich etwas anderes verlangen würde.
Dann liegt das eigentliche Thema nicht mehr in der Asymmetrie selbst.
Dann fehlen Möglichkeiten.
Eine bevorzugte Seite ist etwas anderes als eine festgefahrene Seite
Auch hier hilft das Beispiel des Gehens.
Während eines Schrittes bist du ständig asymmetrisch organisiert. Dein Gewicht befindet sich mehr auf einer Seite, während die andere eine andere Aufgabe übernimmt.
Das ist notwendig.
Problematisch wäre nicht diese Asymmetrie, sondern wenn der Wechsel zwischen beiden Seiten nicht mehr gut funktionieren würde.
Deshalb ist für mich weniger entscheidend, ob beide Seiten exakt gleich aussehen oder sich identisch anfühlen.
Viel wichtiger ist die Frage:
Kann dein Körper beide Seiten erreichen?
Kann er Gewicht von rechts nach links verlagern? Kann sich dein Brustkorb in verschiedene Richtungen drehen? Kann dein Becken unterschiedliche Positionen einnehmen? Kann dein System eine Strategie nutzen und sie anschließend wieder verlassen?
Diese Fähigkeit zum Wechsel ist wesentlich wichtiger als perfekte Symmetrie.
Deshalb müssen wir den Körper nicht symmetrisch machen
Wenn sich eine Seite fester, stärker oder beweglicher anfühlt als die andere, liegt die Versuchung nahe, diesen Unterschied direkt ausgleichen zu wollen.
Die festere Seite wird gedehnt, die vermeintlich schwächere Seite gekräftigt und alles soll möglichst wieder gleich werden.
Manchmal kann das sinnvoll sein. Entscheidend ist jedoch die Frage, warum dein Körper diese Seiten überhaupt unterschiedlich nutzt.
Vielleicht braucht er auf einer Seite mehr Spannung, um sich zu stabilisieren. Vielleicht ist eine bestimmte Bewegung auf der anderen Seite gerade nicht gut verfügbar. Vielleicht hat sich eine Strategie über lange Zeit bewährt und wird deshalb immer wieder eingesetzt.
Dann reicht es nicht unbedingt, nur an dem sichtbaren Unterschied zu arbeiten.
Es geht vielmehr darum, dem gesamten System wieder mehr Möglichkeiten zu geben.
Das Ziel ist nicht Gleichheit
Ein anpassungsfähiger Körper sollte unterschiedliche Positionen einnehmen, sich verlagern, rotieren, belasten und wieder entlasten können. Entscheidend ist dabei vor allem, dass er zwischen seinen beiden Seiten wechseln kann.
Deshalb ist das Ziel nicht, rechts und links vollständig gleich zu machen.
Das Ziel ist, beide Seiten verfügbar zu machen.
Es geht nicht um perfekte Symmetrie, sondern um Bewegungsfreiheit.
Deinen Körper anders betrachten
Wenn du beginnst, deinen Körper auf diese Weise zu betrachten, verändert sich auch der Umgang mit vermeintlichen Fehlhaltungen und Asymmetrien.
Nicht jeder Unterschied muss korrigiert werden.
Nicht jede stärkere oder festere Seite ist automatisch ein Problem.
Viel interessanter ist die Frage:
Hast du eine Wahl?
Kann dein Körper verschiedene Lösungen finden oder ist er dauerhaft auf eine einzige Strategie angewiesen?
Genau darin liegt für mich der wesentliche Unterschied zwischen einer natürlichen Asymmetrie und einem Muster, das dich zunehmend einschränkt.
Dein Körper muss nicht symmetrisch sein. Er muss wechseln können.