Asymmetrie endet nicht am Körper
Warum PRI nicht nur mit Bewegung, sondern auch mit Wahrnehmung arbeitet
Wenn wir über Asymmetrie sprechen, denken wir zunächst an den Körper.
Unser Herz liegt überwiegend links, die Leber rechts. Unsere Lungen unterscheiden sich voneinander, und auch das Zwerchfell hat auf beiden Seiten unterschiedliche Voraussetzungen.
Diese natürliche Asymmetrie ist ein wichtiger Ausgangspunkt des Postural Restoration Institute®.
Doch sie endet nicht bei Organen, Muskeln oder Gelenken.
Auch unser Nervensystem ist asymmetrisch organisiert.
Und genau das hilft zu verstehen, warum PRI nicht nur mit Bewegung und Atmung arbeitet, sondern auch so viel Wert auf Bodenkontakt, Wahrnehmung, Sehen und andere sensorische Informationen legt.
Rechte und linke Gehirnhälfte – unterschiedlich und verbunden
Unser Gehirn besteht aus zwei Hemisphären, die eng miteinander kommunizieren, aber nicht vollkommen identisch organisiert sind.
Auch die Verbindung zwischen Gehirn und Körper ist zu einem großen Teil gekreuzt: Die linke Großhirnhemisphäre steht stärker mit der rechten Körperseite in Verbindung, die rechte stärker mit der linken.
Das ist natürlich eine Vereinfachung. Bewegung und Wahrnehmung entstehen in komplexen Netzwerken, an denen beide Gehirnhälften und viele weitere Bereiche des Nervensystems beteiligt sind.
Für das Grundprinzip ist diese gekreuzte Organisation trotzdem wichtig:
Rechts und links unterscheiden sich nicht nur im Körper. Auch Körper und Gehirn sind auf beiden Seiten unterschiedlich miteinander verbunden.
Bewegung braucht Informationen
Damit dein Nervensystem Bewegung organisieren kann, braucht es fortlaufend Informationen darüber, wo sich dein Körper befindet.
Welcher Fuß trägt gerade Gewicht?
Wo befindet sich dein Kopf im Raum?
Wie steht dein Becken?
Wo hast du Bodenkontakt?
Wie bewegen sich deine Rippen?
Was siehst du?
Was meldet dein Gleichgewichtssystem?
All diese Informationen fließen zusammen und beeinflussen, welche Bewegung der Körper anschließend organisiert.
Bewegung ist deshalb nicht nur motorisch.
Sie ist immer auch sensorisch.
Und genau an dieser Stelle wird die neurologische Asymmetrie für PRI interessant.
Warum die linke Körperseite mehr sein kann als „links stehen“
Nehmen wir einen Menschen, dem es schwerfällt, sein Gewicht wirklich auf die linke Seite zu verlagern.
Man könnte einfach sagen:
„Stell dich mehr auf dein linkes Bein.“
Aber damit ist noch nicht gesagt, dass das Nervensystem diese Position auch gut erkennt und organisieren kann.
Kann die linke Ferse den Boden deutlich wahrnehmen?
Gibt es Kontakt über den linken Sitzbeinhöcker?
Kann sich der Brustkorb so verändern, dass die linke Seite überhaupt gut erreicht werden kann?
Unterstützen Sehen und Gleichgewicht diese Orientierung?
Solche sensorischen Informationen helfen dem Nervensystem dabei, eine Position nicht nur mechanisch einzunehmen, sondern sie tatsächlich als verfügbare Möglichkeit zu nutzen.
Die linke Körperseite und die rechte Hemisphäre
Weil sensorische Informationen der linken Körperseite überwiegend auf der rechten Gehirnseite verarbeitet werden, bekommt diese Verbindung im PRI besondere Bedeutung.
Wenn wir die linke Körperseite sensorisch deutlicher verfügbar machen, geht es deshalb nicht nur darum, dort einen Muskel anders arbeiten zu lassen.
Wir verändern auch die Informationen, die das Nervensystem über diese Körperseite erhält.
Das kann zum Beispiel über Druck unter dem linken Fuß, die Ferse, einen Sitzbeinhöcker, bestimmte Bereiche des Brustkorbs oder andere gezielt gesetzte Kontakte geschehen.
Auch visuelle und vestibuläre Informationen können dabei eine Rolle spielen.
Der gemeinsame Gedanke lautet:
Der Körper soll eine Position nicht nur erreichen. Das Nervensystem muss ausreichend Informationen erhalten, um diese Position auch wahrnehmen und organisieren zu können.
Warum PRI so viel mit sensorischen Referenzen arbeitet
Dadurch werden manche PRI-Übungen plötzlich verständlicher.
Warum soll ich meine Ferse spüren?
Warum ist ein bestimmter Kontakt zum Boden wichtig?
Warum soll ich wahrnehmen, wo sich mein Gewicht befindet?
Warum kann eine andere Blickrichtung eine Übung verändern?
PRI arbeitet mit solchen sensorischen Referenzen, weil Bewegung auf sensorischer Information aufbaut.
Dabei geht es nicht einfach darum, „mehr zu spüren“.
Es geht darum, die Information bereitzustellen, die für eine bestimmte Bewegung oder Position gerade fehlt oder nicht ausreichend genutzt wird.
Auch das, was im PRI teilweise als Impingement oder Approximation genutzt wird, lässt sich unter diesem Gesichtspunkt betrachten: Kontakt und Begrenzung können dem Nervensystem zusätzliche Information darüber geben, wo sich ein Körperteil befindet und wie er belastet wird.
Mehr müssen wir an dieser Stelle gar nicht daraus machen.
Sensorik ist mehr als Propriozeption
Wenn wir von Wahrnehmung sprechen, meinen wir dabei nicht nur Informationen aus Muskeln und Gelenken.
Auch unsere Augen liefern ständig Informationen darüber, wo wir uns im Raum befinden.
Das vestibuläre System im Innenohr trägt zur Orientierung von Kopf und Körper bei.
Druck unter den Füßen vermittelt Bodenkontakt.
Auch Kiefer und Zahnkontakt können für bestimmte sensorische Zusammenhänge relevant sein.
Unser Gehirn kombiniert also unterschiedliche Informationsquellen, um den Körper im Raum zu organisieren.
Deshalb kann ein rein mechanischer Blick auf Asymmetrie zu kurz greifen.
Asymmetrie auf mehreren Ebenen
Wenn wir im PRI versuchen, einen Körper wieder besser zwischen rechts und links wechseln zu lassen, geht es deshalb nicht nur darum, ein Becken zu bewegen oder ein Bein anders zu belasten.
Auch die sensorischen Informationen müssen diesen Wechsel unterstützen.
Die körperliche und die neurologische Ebene lassen sich nicht vollständig voneinander trennen.
Das bedeutet nicht, dass wir eine Gehirnhälfte „anschalten“ oder beide Gehirnhälften gleichmachen wollen.
Genau wie bei der anatomischen Asymmetrie geht es auch hier nicht um perfekte Symmetrie.
Es geht darum, beide Seiten ausreichend in die Gesamtorganisation einzubeziehen.
Warum diese Sichtweise für PRI so wichtig ist
Für mich erklärt dieser Gedanke einen großen Teil davon, warum PRI manchmal so anders aussieht als klassisches Bewegungstraining.
Eine Übung soll nicht einfach einen Muskel kräftigen oder eine Bewegung oft genug wiederholen.
Sie kann gleichzeitig versuchen, dem Nervensystem neue oder deutlichere Informationen zur Verfügung zu stellen.
Vielleicht über den Fuß.
Vielleicht über den Brustkorb.
Vielleicht über einen Kontaktpunkt.
Vielleicht über die Augen.
Dadurch verändert sich nicht automatisch „das Gehirn“ auf Knopfdruck.
Aber die sensorischen Bedingungen verändern sich, unter denen Bewegung organisiert wird.
Und genau deshalb kann Wahrnehmung einen so wichtigen Platz innerhalb der Arbeit bekommen.
Asymmetrie endet nicht am Körper
Vielleicht ist das der zentrale Gedanke:
Unsere Asymmetrie ist nicht nur anatomisch und mechanisch. Sie setzt sich auch in unserem Nervensystem und in unserer Wahrnehmung fort.
Deshalb lässt sich ein asymmetrisch organisierter Körper nicht ausschließlich über Muskeln und Gelenke verstehen.
Wir müssen auch fragen:
Welche Informationen stehen dem Nervensystem zur Verfügung?
Welche Körperseite ist leicht zugänglich?
Welche wird weniger deutlich wahrgenommen oder genutzt?
Und welche sensorischen Informationen können helfen, wieder zwischen beiden Seiten zu wechseln?
Natürlich bleibt auch diese Erklärung ein Modell für ein sehr komplexes System.
Aber sie verändert eine entscheidende Perspektive:
Bewegung beginnt nicht erst beim Muskel. Sie beginnt auch mit der Information, die dem Nervensystem über den Körper zur Verfügung steht.
Und genau deshalb arbeitet PRI nicht nur mit Bewegung.
Es arbeitet auch mit Wahrnehmung.
Wenn du zunächst verstehen möchtest, warum unser Körper bereits anatomisch nicht symmetrisch aufgebaut ist:
→ Warum dein Körper nicht symmetrisch ist
Und wenn du mehr über den gesamten PRI-Ansatz lesen möchtest:
→ Was ist PRI®? Asymmetrie, Atmung und Bewegung verständlich erklärt