Wie dein Gehirn erfährt, was in deinem Körper passiert
Interozeption, Propriozeption und die vielen Signale, aus denen Körperwahrnehmung entsteht
Stell dir vor, dein Gehirn sitzt in einer dunklen Kommandozentrale.
Es kann nicht einfach in deinen Körper hineinschauen und prüfen, wie dein Brustkorb gerade steht, wie viel Druck auf deinem linken Fuß liegt, ob dein Herz schneller schlägt oder ob dein Magen voll ist.
Trotzdem muss es all das irgendwie wissen.
Denn ohne diese Informationen könnte dein Gehirn weder Bewegung sinnvoll steuern noch deinen körperlichen Zustand einschätzen.
Es braucht deshalb ständig Rückmeldungen.
Man könnte sagen: Überall im Körper sitzen kleine Fühler, die ununterbrochen Nachrichten schicken.
Hier entsteht Druck.
Dort verändert sich Spannung.
Dieses Gelenk bewegt sich.
Das Herz schlägt schneller.
Der Magen dehnt sich.
Der Boden trägt mich.
Der Brustkorb bewegt sich beim Atmen.
Aus all diesen Meldungen entsteht nach und nach eine innere Landkarte davon, wo wir sind, wie es uns geht und welche Handlung gerade möglich oder sinnvoll ist.
Genau darum geht es in diesem Artikel.
Dein Gehirn braucht Informationen, um dich zu steuern
Wir denken über Bewegung häufig sehr mechanisch.
Das Gehirn sagt dem Arm, dass er sich heben soll – und der Arm hebt sich.
Ganz so einfach ist es aber nicht.
Bevor das Gehirn eine Bewegung sinnvoll organisieren kann, muss es zunächst wissen:
Wo befindet sich der Arm gerade?
Wie stark ist der Ellenbogen gebeugt?
Wo steht das Schulterblatt?
Wie ist das Gewicht im Körper verteilt?
Stehe ich sicher?
Bewegt sich der Untergrund?
Wie schnell bewege ich mich?
Wie viel Kraft ist notwendig?
Das Gehirn steuert Bewegung also nicht im luftleeren Raum.
Es arbeitet ständig mit Rückmeldungen darüber, was bereits geschieht.
Und genau deshalb spielt Sensorik eine so große Rolle.
Je klarer und differenzierter die Informationen sind, die dem Gehirn zur Verfügung stehen, desto besser kann es seine nächste Reaktion an die aktuelle Situation anpassen.
Das bedeutet nicht automatisch: mehr Informationen sind immer besser.
Aber das Gehirn braucht brauchbare Informationen.
Drei Informationswelten: innen, Körperposition und Außenwelt
Um diese verschiedenen Informationen etwas zu sortieren, helfen drei Begriffe:
Interozeption, Propriozeption und Exterozeption.
Sie beschreiben unterschiedliche Quellen, aus denen unser Nervensystem Informationen erhält.
Interozeption: Was passiert in mir?
Interozeption beschreibt Signale aus dem Inneren unseres Körpers.
Dazu gehören zum Beispiel Informationen über:
Herzschlag
Blutdruck
Atmung
Hunger
Durst
Temperatur
Übelkeit
Darm- und Magenaktivität
innere Dehnung
Veränderungen im Kreislauf
Diese Signale helfen dem Gehirn dabei einzuschätzen, wie es um den inneren Zustand des Organismus steht.
Brauche ich Flüssigkeit?
Ist mein Kreislauf belastet?
Ist mein Magen leer?
Bin ich erschöpft?
Steigt mein Herzschlag?
Verändert sich meine Atmung?
Ein Teil davon wird uns bewusst. Sehr vieles läuft aber im Hintergrund ab.
Wir müssen nicht jede Veränderung unseres Blutdrucks bewusst spüren, damit unser Nervensystem darauf reagieren kann.
Interozeption bedeutet deshalb nicht einfach „in sich hineinfühlen“.
Sie beschreibt ein viel größeres Informationssystem, das permanent im Hintergrund arbeitet.
Propriozeption: Wo befindet sich mein Körper?
Propriozeption beantwortet eine andere Frage:
Wo befindet sich mein Körper gerade – und wie bewegt er sich?
Dafür bekommt das Nervensystem unter anderem Informationen aus Muskeln, Sehnen und Gelenken.
Ohne hinzuschauen kannst du normalerweise ungefähr sagen, ob dein Knie gebeugt oder gestreckt ist.
Du weißt, ob dein Arm über deinem Kopf oder neben deinem Körper hängt.
Du kannst im Dunkeln gehen, ohne ständig deine Füße anzuschauen.
Das funktioniert, weil dein Gehirn fortlaufend Informationen über Position, Bewegung und Belastung erhält.
Propriozeption umfasst beispielsweise:
Gelenkstellung
Bewegungsgeschwindigkeit
Muskellänge
Muskelspannung
Druck und Belastung
Gewichtsverteilung
Für Bewegung ist das enorm wichtig.
Denn das Gehirn kann nur sinnvoll entscheiden, wohin es als Nächstes bewegen möchte, wenn es eine brauchbare Vorstellung davon hat, wo der Körper jetzt gerade ist.
Exterozeption: Was passiert um mich herum?
Die dritte große Informationsquelle ist die Außenwelt.
Über Sehen, Hören, Riechen, Berührung und Temperatur bekommen wir Informationen darüber, was außerhalb unseres Körpers geschieht.
Wo ist die Tür?
Wie weit ist der Boden entfernt?
Kommt jemand auf mich zu?
Ist ein Geräusch hinter mir?
Ist der Untergrund weich oder hart?
Auch diese Informationen braucht das Gehirn, um Bewegung und Verhalten sinnvoll zu organisieren.
Denn dieselbe Körperposition kann in unterschiedlichen Umgebungen etwas völlig anderes bedeuten.
Auf festem Boden ist ein Schritt etwas anderes als auf Glatteis.
Ein schneller Herzschlag während eines Sprints ist etwas anderes als derselbe Herzschlag nachts im Bett.
Ein lautes Geräusch in einem Konzertsaal ist etwas anderes als ein lautes Geräusch hinter mir auf einer dunklen Straße.
Das Gehirn bewertet also nie nur ein einzelnes Signal.
Es verbindet Informationen aus innen, außen und aus der Position des Körpers miteinander.
Das Gehirn setzt ein Gesamtbild zusammen
Vielleicht hilft das Bild eines riesigen Puzzles.
Ein einzelnes Puzzleteil sagt noch wenig.
Erst viele Teile zusammen ergeben ein Bild.
So ähnlich arbeitet auch unser Nervensystem.
Ein schneller Herzschlag ist eine Information.
Ein gespannter Kiefer ist eine weitere.
Der Boden unter den Füßen eine weitere.
Die Position der Rippen eine weitere.
Der Gesichtsausdruck meines Gegenübers eine weitere.
Meine Erinnerung an eine ähnliche Situation ebenfalls.
Und irgendwo dazwischen steht vielleicht der bewusste Gedanke:
„Eigentlich bin ich entspannt.“
Dieser Gedanke ist nicht bedeutungslos.
Aber er ist eben nur ein Puzzleteil.
Wenn sehr viele andere Informationen in eine andere Richtung weisen, kann der Gedanke allein das Gesamtbild kaum vollständig verändern.
Genau deshalb reicht es oft nicht aus, uns einen Zustand nur einzureden.
Der Körper liefert dem Gehirn ständig Rückmeldung
Das wird besonders spannend, wenn wir körperliche Kontaktpunkte betrachten.
Nimm zum Beispiel deine Füße.
Wenn deine Ferse deutlich Kontakt zum Boden hat, entstehen Druck- und Berührungsinformationen.
Diese Informationen können deinem Gehirn helfen einzuschätzen:
Hier ist Untergrund.
Hier kann Gewicht aufgenommen werden.
Von hier aus kann ich mich abstoßen.
Ähnliches gilt für den Kontakt des Rückens mit einer Lehne oder für das Schulterblatt, das auf dem Brustkorb gleitet.
Kontakt ist nicht einfach nur mechanisch.
Kontakt ist auch Information.
Und genau hier wird die Verbindung zur Atmung interessant.
Das Zwerchfell als sensorische Informationsquelle
Über die grundlegende Bewegung des Zwerchfells habe ich bereits ausführlich in einer eigenen Podcastfolge gesprochen.
Für diesen Zusammenhang interessiert mich vor allem ein anderer Aspekt:
Das Zwerchfell kann an der Innenseite des unteren Brustkorbs anliegen.
Dieser Kontaktbereich wird als Zone of Apposition bezeichnet.
Dabei geht es nicht nur darum, dass dort anatomisch zwei Strukturen nebeneinanderliegen.
Kontakt erzeugt Information.
Druck verändert sich.
Gewebe wird belastet und wieder entlastet.
Bewegung findet statt.
Rezeptoren registrieren diese Veränderungen und liefern dem Nervensystem Rückmeldung.
Du kannst dir das vereinfacht wie einen kleinen Knopf vorstellen.
Wenn Kontakt entsteht, wird dieser Knopf gedrückt und eine Information wird verfügbar.
Fehlt dieser Kontakt weitgehend, bedeutet das nicht, dass das Gehirn überhaupt keine Informationen bekommt.
Aber eine bestimmte Art von Rückmeldung ist schwächer oder fehlt.
Wissen über den Körper ist nicht dasselbe wie körperliche Information
Das ist ein Punkt, den ich besonders wichtig finde.
Du kannst genau wissen, was die Zone of Apposition ist.
Du kannst dir anatomische Zeichnungen anschauen.
Du kannst verstehen, wie das Zwerchfell verlaufen sollte.
Du kannst sogar erklären, welche Muskeln daran beteiligt sind.
Und trotzdem bedeutet dieses Wissen nicht automatisch, dass dein Nervensystem die entsprechende körperliche Information tatsächlich bekommt.
Der Gedanke an Kontakt ist kein Kontakt.
Die Vorstellung von Druck ist kein Druck.
Das Wissen über eine Gelenkposition ist nicht dieselbe Information wie die tatsächliche Stellung des Gelenks.
Genau hier wird der Unterschied zwischen intellektuellem Verstehen und körperlicher Erfahrung deutlich.
Warum Übungen manchmal ganz anders wirken als gedacht
Das erklärt auch, warum zwei Menschen äußerlich dieselbe Übung machen können und intern etwas völlig anderes passiert.
Beide liegen vielleicht in derselben Position.
Beide bewegen Arme und Beine scheinbar gleich.
Aber der eine Mensch spürt deutlich eine Ferse, den Rücken oder einen bestimmten Bereich des Brustkorbs.
Der andere stabilisiert sich über ganz andere Strukturen und bekommt diese Informationen kaum.
Von außen sieht die Bewegung ähnlich aus.
Für das Nervensystem ist sie nicht dieselbe.
Das ist ein zentraler Gedanke in der Arbeit des Postural Restoration Institute.
Es geht nicht nur darum, eine Bewegung korrekt aussehen zu lassen.
Es geht darum, welche Informationen durch diese Bewegung verfügbar werden.
Deshalb sind bestimmte körperliche Veränderungen auch nicht immer leicht im Selbstmanagement herzustellen.
Eine Position kann äußerlich stimmen und trotzdem über die gewohnte Strategie gelöst werden.
Begleitung kann helfen, herauszufinden:
Welcher Kontakt fehlt?
Welche Körperregion ist kaum wahrnehmbar?
Wo entsteht zu viel Ausweichbewegung?
Welche Information soll durch eine Übung überhaupt erzeugt werden?
Sensorik bedeutet nicht, möglichst viel zu spüren
An dieser Stelle ist mir eine Sache wichtig:
Das Ziel ist nicht, ständig jede kleinste Empfindung des Körpers zu überwachen.
Mehr Wahrnehmung ist nicht automatisch besser.
Ein Mensch kann sehr viele Körpersignale wahrnehmen und trotzdem Schwierigkeiten haben, sie einzuordnen.
Entscheidend ist eher:
Sind die Informationen brauchbar?
Kann das Gehirn zwischen verschiedenen Zuständen unterscheiden?
Kann es erkennen, dass sich etwas verändert hat?
Kann es neue Bewegungsoptionen daraus ableiten?
Sensorik ist also nicht permanente Selbstbeobachtung.
Sie ist die Grundlage dafür, dass unser Nervensystem überhaupt weiß, womit es arbeitet.
Warum das auch für Emotionen wichtig ist
Damit schließt sich der Kreis zum vorherigen Blogartikel und zur aktuellen Podcastfolge.
Wenn du denkst:
„Ich bin entspannt“,
bekommt dein Gehirn diese sprachliche Information.
Gleichzeitig bekommt es aber auch Informationen aus dem Körper:
Wie schlägt das Herz?
Wie bewegt sich der Brustkorb?
Wie viel Gewicht wird an den Boden abgegeben?
Wie stehen die Gelenke?
Welche Bereiche haben Kontakt?
Wie groß oder eng ist der Blick?
Wie reagiert die Umgebung?
Ein Gedanke kann eine Richtung vorgeben.
Aber das Gehirn arbeitet mit dem gesamten Informationsbild.
Wenn sich nach und nach auch körperliche Signale verändern, wird aus dem Gedanken zunehmend eine neue Erfahrung.
Nicht weil der Körper „wahrer“ wäre als der Kopf.
Sondern weil Gehirn und Körper ohnehin nie getrennte Systeme waren.
Zum Weiterhören
In Folge 8 von Der gesunde Ton geht es darum, warum Emotionen nicht nur im Kopf stattfinden und warum unser Gehirn auf unzählige Informationen aus dem Körper angewiesen ist.
Dort spreche ich unter anderem über:
die Herzratenvariabilität,
Bottom-up- und Top-down-Prozesse,
die Zone of Apposition,
körperliche Sensorik,
und die Frage, warum ein Gedanke allein häufig nicht ausreicht, um einen Zustand zu verändern.
Podcastfolge 8: Warum Emotionen nicht nur im Kopf stattfinden