Warum Denken allein nicht immer reicht

Wie aus Gedanken erst durch emotionale und körperliche Resonanz eine neue Erfahrung wird

„Ich bin sicher.“

„Ich bin entspannt.“

„Ich schaffe das.“

Solche Sätze können hilfreich sein. Sie können unsere Aufmerksamkeit lenken, eine neue Perspektive öffnen und uns daran erinnern, wohin wir eigentlich möchten.

Aber vielleicht kennst du auch das Gegenteil: Du sagst dir einen positiven Satz – und innerlich kommt sofort ein deutliches:

„Ja, schön wäre es.“

Der Kopf sagt Entspannung, während der Körper festhält. Der Gedanke sagt Sicherheit, während Herzschlag, Atmung und innere Anspannung etwas anderes vermitteln.

Genau diese Diskrepanz interessiert mich in meiner Arbeit besonders. emTrace® spielt dabei eine wichtige Rolle, weil dieser Ansatz genau an der Schnittstelle zwischen Denken, Emotion und körperlichem Erleben arbeitet. Deshalb greife ich in diesem Artikel immer wieder Gedanken und Modelle aus emTrace® auf.

Die zentrale Frage lautet:

Was passiert, wenn das, was wir denken, nicht zu dem passt, was unser restliches System gerade erlebt?

Ein Gedanke ist zunächst nur eine Information

Unser Gehirn arbeitet nicht ausschließlich mit Sprache.

Während du den Satz „Ich bin entspannt“ denkst, verarbeitet dein Nervensystem gleichzeitig viele weitere Informationen:

Wie schlägt dein Herz?

Wie atmest du?

Was geschieht in deinem Körperinneren?

Wie stehst du im Raum?

Was siehst und hörst du?

Welche Erinnerung ist mit der Situation verbunden?

Welche Emotion ist gerade aktiv?

Der bewusste Gedanke ist also nicht bedeutungslos. Aber er ist nur eine Informationsquelle innerhalb eines viel größeren Gesamtbildes.

Genau deshalb kann ein Satz vollkommen logisch erscheinen und sich trotzdem überhaupt nicht glaubwürdig anfühlen.

Emotionale Resonanz statt bloßer Wiederholung

Im emTrace®-Ansatz spielt der Begriff der emotionalen Resonanz eine wichtige Rolle.

Ein Glaubenssatz lässt sich nicht einfach als ein häufig gedachter Gedanke verstehen, sondern als ein Gedanke mit emotionaler Resonanz.

Das erklärt eine interessante Diskrepanz:

Du kannst einen Satz intellektuell richtig finden, ohne ihn emotional zu glauben.

„Ich bin gut genug.“

Vielleicht verstehst du diesen Satz.

Vielleicht würdest du ihn sogar einem anderen Menschen sofort bestätigen.

Wenn aber beim Aussprechen gleichzeitig Unsicherheit, Scham oder Angst auftauchen, entsteht keine echte Resonanz.

Es entsteht Dissonanz.

Der neue Gedanke und das aktuell aktive emotionale Muster passen noch nicht zusammen.

Top-down: der bewusste Versuch, etwas zu verändern

Wenn wir bewusst denken, bewerten oder eine Situation umdeuten, sprechen wir vereinfacht von einem Top-down-Prozess.

Dafür gibt es Beispiele wie:

„Das ist nicht so schlimm.“

oder:

„Ich sehe es positiv.“

Das ist der Versuch, über bewusste Kognition Einfluss auf unsere emotionale Reaktion zu nehmen.

Und das kann durchaus hilfreich sein.

Wir können Situationen neu einordnen.

Wir können erkennen, dass eine alte Schlussfolgerung heute nicht mehr stimmt.

Wir können Aufmerksamkeit bewusst verändern.

Das Problem entsteht erst dann, wenn wir erwarten, dass ein neuer Satz automatisch alles andere überschreibt.

Denn Kommunikation läuft auch in die andere Richtung.

Bottom-up: wenn der Körper mitredet

Bottom-up beschreibt Prozesse, bei denen Informationen aus Wahrnehmung, Körper und sensorischem Erleben unsere Regulation mitbestimmen.

Das Gehirn erhält fortlaufend Rückmeldungen:

aus Herz und Kreislauf,

aus der Atmung,

aus inneren Organen,

aus Muskeln und Gelenken,

über Druck, Berührung und Bewegung,

über unsere Position im Raum,

und aus unserer Umgebung.

Wenn du denkst:

„Ich bin sicher“,

während viele dieser Informationen weiterhin auf Schutz, Festhalten oder Alarm hinweisen, entsteht kein stimmiges Gesamtbild.

Nicht weil der Körper grundsätzlich „wahrer“ wäre als der Kopf.

Sondern weil dein Gehirn beides verarbeitet.

Der Satz gegen den ganzen Rest

Stell dir vor, dein Gehirn bekommt gleichzeitig folgende Nachrichten:

„Ich bin entspannt.“

Der Kiefer: fest.

Der Atem: gehalten.

Das Herz: stark aktiviert.

Der Blick: eng.

Der Körper: bereit, sofort reagieren zu müssen.

Dann steht der bewusste Satz nicht deshalb auf verlorenem Posten, weil Gedanken unwichtig wären.

Er steht schlicht einer ganzen Reihe anderer Informationen gegenüber.

Der Gedanke kann eine Richtung vorschlagen.

Aber damit daraus eine neue Erfahrung entsteht, braucht es zunehmend weitere Informationen, die diese Richtung unterstützen.

Wissen ist noch keine Erfahrung

Das erklärt auch, warum wir manches längst verstanden haben und trotzdem immer wieder gleich reagieren.

Wir können wissen:

„Ich muss niemandem etwas beweisen.“

„Die Situation ist vorbei.“

„Ich darf mich entspannen.“

„Ich bin heute nicht mehr abhängig von dieser Person.“

Und trotzdem reagiert unser Organismus anders.

Intellektuelles Verstehen und emotionales Lernen sind nicht dasselbe.

Genau deshalb spielt im emTrace®-Kontext auch das bewusste Wahrnehmen körperlicher Veränderung nach einer Intervention eine Rolle. Nicht nur zu verstehen, dass etwas anders ist, sondern auch zu bemerken:

Es fühlt sich anders an.

Das ist der Unterschied zwischen Wissen und Erfahrung.

Was bedeutet das für Affirmationen?

Affirmationen sind deshalb nicht grundsätzlich schlecht.

Problematisch werden sie eher dann, wenn sie so weit vom aktuellen Erleben entfernt sind, dass sie unmittelbar inneren Widerstand erzeugen.

Aus:

„Ich habe panische Angst und fühle mich vollkommen ausgeliefert“

wird durch hundert Wiederholungen von

„Ich habe alles unter Kontrolle“

nicht automatisch eine neue emotionale Realität.

Manchmal ist ein Gedanke hilfreicher, wenn er überhaupt anschlussfähig ist:

„Ich kann gerade wahrnehmen, dass ich hier sitze.“

„Vielleicht muss ich nicht alles kontrollieren.“

„Ein Teil von mir kann gerade etwas mehr Sicherheit wahrnehmen.“

Diese Sätze sind nicht weniger positiv.

Sie verlangen vom System nur keinen Sprung, den es momentan noch nicht nachvollziehen kann.

Die fünf Superressourcen: Denken reicht auch hier nicht

In einer vorherigen Podcastfolge habe ich über fünf emotionale Superressourcen gesprochen:

Stolz, Entspannung, Dankbarkeit, Ehrfurcht und Mitfreude.

Auch hier gilt:

Es reicht nicht, das Wort Entspannung zu denken.

Oder sich zu sagen:

„Ich bin dankbar.“

Eine Ressource wird besonders interessant, wenn sie tatsächlich eine emotionale und körperliche Entsprechung bekommt.

Wenn Stolz nicht nur ein Begriff ist, sondern Aufrichtung oder Kraft entstehen lässt.

Wenn Entspannung tatsächlich ein Stück weniger Festhalten bedeutet.

Wenn Ehrfurcht den Blick weitet.

Wenn Dankbarkeit als Verbundenheit spürbar wird.

Nicht jeder Mensch erlebt diese Ressourcen gleich. Es gibt keine festgelegte Körperformel.

Aber irgendwann muss aus dem Begriff eine Erfahrung werden.

Und was, wenn selbst Bottom-up nicht richtig greift?

An diesem Punkt kommt für mich noch eine zweite große Säule meiner Arbeit ins Spiel: die biomechanische Arbeit nach den Prinzipien des Postural Restoration Institute® (PRI®).

Denn manchmal wissen wir längst, dass wir nicht ständig festhalten, hochziehen, pressen oder in Alarmbereitschaft bleiben müssten.

Vielleicht haben wir sogar schon viel mit Atmung, Körperwahrnehmung oder Entspannung gearbeitet.

Und trotzdem kehrt der Körper immer wieder in dieselben Muster zurück.

Das kann auch daran liegen, dass viele Haltungs-, Bewegungs- und Atemstrategien längst automatisiert sind.

Wir entscheiden nicht bei jedem Schritt bewusst, wie unser Becken steht, wo wir Gewicht aufnehmen, wie sich unsere Rippen bewegen oder welche Muskeln gerade Stabilität organisieren.

Und genau diese automatisierten Muster liefern dem Gehirn fortlaufend Bottom-up-Informationen.

Hier kann PRI® für mich zu einem sehr starken Hebel werden.

Nicht, weil eine bestimmte Haltung automatisch eine Emotion „heilt“.

Und auch nicht, weil es darum geht, den Körper in eine vermeintlich perfekte Position zu bringen.

Sondern weil gezielte Positionen, Atemstrategien und Bewegungen neue körperliche Referenzpunkte und damit neue sensorische Erfahrungen ermöglichen können.

Plötzlich wird vielleicht eine Ferse wieder deutlich spürbar.

Der Rücken bekommt beim Atmen Raum.

Der Brustkorb bewegt sich anders.

Gewicht kann tatsächlich abgegeben oder auf eine andere Seite verlagert werden.

Damit verändert sich nicht nur die sichtbare Bewegung.

Es verändert sich auch ein Teil der Bottom-up-Information, mit der das Gehirn arbeitet.

Für mich treffen sich emTrace® und PRI® deshalb an einer sehr spannenden Stelle:

emTrace® richtet den Blick auf emotionale Netzwerke, Bedürfnisse und Ressourcen.

PRI® richtet meinen Blick darauf, welche körperlichen Informationen über Atmung, Haltung und Bewegung überhaupt verfügbar sind.

Und manchmal braucht Veränderung beides:

eine neue emotionale Erfahrung

und einen Körper, der beginnen kann, dazu passende Informationen zu liefern.

Veränderung ist kein Kampf zwischen Kopf und Körper

Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt:

Wir müssen Denken und Körper nicht gegeneinander ausspielen.

Der Gedanke ist nicht der Feind.

Der Körper besitzt nicht automatisch die „wahre Antwort“.

Beide liefern Informationen.

Veränderung wird wahrscheinlicher, wenn diese Informationen zunehmend zusammenpassen.

Der neue Gedanke kann die Richtung vorgeben.

Eine neue emotionale Erfahrung macht ihn glaubwürdiger.

Und körperliche Rückmeldungen helfen dem Gehirn zu erkennen:

Vielleicht ist diesmal tatsächlich etwas anders.

Dann wird aus einem Satz langsam mehr als ein Satz.

Er beginnt zu resonieren.

Zum Weiterhören

In Folge 8 von Der gesunde Ton geht es darum, warum Emotionen nicht nur im Kopf stattfinden und weshalb unser Gehirn auf unzählige Informationen aus dem Körper angewiesen ist.

Dort spreche ich unter anderem über Top-down- und Bottom-up-Prozesse, Herzratenvariabilität, Körperwahrnehmung, das Zwerchfell und die Frage, warum ein einzelner Gedanke häufig nicht ausreicht, um unseren Zustand zu verändern.

Podcastfolge 8: Warum Emotionen nicht nur im Kopf stattfinden

Next
Next

Wie dein Gehirn erfährt, was in deinem Körper passiert