PRI und das Nervensystem

– warum das Postural Restoration Institute weit mehr ist als Atem- oder Haltungstraining

Wer sich zum ersten Mal mit dem Postural Restoration Institute® (PRI) beschäftigt, stößt schnell auf Begriffe wie Atmung, Zwerchfell, Brustkorb, Becken oder Haltung. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, PRI sei vor allem ein Atem- oder Haltungskonzept.

Je länger ich mich jedoch mit dem Postural Restoration Institute beschäftige, desto mehr habe ich den Eindruck, dass wir PRI häufig von der falschen Seite erklären. Denn Atmung, Haltung oder bestimmte Übungen sind aus meiner Sicht nicht das eigentliche Ziel – sie sind vielmehr Werkzeuge.

Im Kern geht es um eine viel grundlegendere Frage:

Wie nimmt unser Gehirn den eigenen Körper wahr? Und wie organisiert es daraus Bewegung?

Genau an dieser Stelle beginnt für mich die eigentliche Stärke von PRI.

Das Gehirn braucht Orientierung

Wenn wir heute über das Nervensystem sprechen, denken viele zuerst an Stress.

An den Sympathikus und den Parasympathikus. An Kampf, Flucht oder Entspannung.

All das spielt selbstverständlich eine wichtige Rolle. Gleichzeitig muss unser Gehirn jedoch noch eine weitere Aufgabe erfüllen: Es muss fortlaufend einschätzen, wo sich unser Körper befindet und welche Bewegungsmöglichkeiten ihm im jeweiligen Moment überhaupt zur Verfügung stehen.

Wo liegt unser Gewicht?

Wie bewegen sich unsere Rippen?

Kann das Gehirn beide Füße gleich gut wahrnehmen?

Ist Rotation nach links genauso möglich wie nach rechts?

All diese Informationen erhält das Gehirn über unzählige sensorische Rückmeldungen aus Muskeln, Gelenken, Faszien, Haut, Füßen, Augen, Kiefer/Zahnkontakt, dem Gleichgewichtssystem und natürlich auch über die Atmung.

Aus diesen Informationen entsteht fortlaufend eine Art innere Landkarte unseres Körpers. Je vollständiger und präziser diese Landkarte ist, desto leichter fällt es dem Gehirn, Bewegung zu organisieren.

Vielleicht sucht unser Nervensystem deshalb gar nicht in erster Linie Ruhe.

Vielleicht sucht es zunächst Orientierung.

Unser Gehirn arbeitet ständig vorausschauend

Lange Zeit ging man davon aus, dass unser Gehirn hauptsächlich auf Reize reagiert.

Heute beschreibt die Neurowissenschaft zunehmend ein anderes Bild: Unser Gehirn arbeitet vorausschauend. Es versucht fortlaufend vorherzusagen, was als Nächstes passieren wird und welche Bewegung wahrscheinlich sinnvoll ist.

Es berechnet gewissermaßen ständig:

"Wo befindet sich mein Körper gerade?"

"Welche Bewegung wird wahrscheinlich folgen?"

"Welche Muskeln werde ich gleich benötigen?"

Damit diese Vorhersagen möglichst präzise sind, braucht das Gehirn zuverlässige Informationen aus dem Körper.

Genau deshalb ist Sensorik so wichtig.

Denn ohne gute Informationen kann das Gehirn auch keine guten Vorhersagen treffen.

Und genau hier beginnt aus meiner Sicht das eigentliche Wirkprinzip von PRI©.

Warum neue Informationen Veränderung ermöglichen

Wenn unser Gehirn ständig Vorhersagen trifft, stellt sich automatisch die nächste Frage:

Wie verändert es diese Vorhersagen überhaupt?

Die moderne Neurowissenschaft beschreibt dafür das Prinzip des Prediction Error.

Gemeint ist damit kein Fehler im klassischen Sinn, sondern vielmehr ein Lernsignal. Das Gehirn bemerkt, dass seine bisherige Vorhersage nicht mehr vollständig zu den Informationen passt, die es gerade aus dem Körper erhält. Genau in diesem Moment beginnt es, seine innere Landkarte zu aktualisieren.

Dieser Gedanke hat meine Sicht auf PRI grundlegend verändert.

Vielleicht verändert sich eine Übung gar nicht in erster Linie deshalb, weil ein Muskel kräftiger geworden ist.

Vielleicht verändert sich etwas, weil das Gehirn plötzlich Informationen erhält, die ihm bisher gefehlt haben.

Zum Beispiel, wenn jemand zum ersten Mal seit Jahren seine linke Ferse wirklich wahrnimmt.

Oder wenn sich ein Bereich des hinteren Brustkorbs wieder bewegt, der zuvor kaum noch an der Atmung beteiligt war.

Oder wenn das Gewicht zum ersten Mal gleichmäßiger über beide Beine verteilt werden kann.

Für das Gehirn sind das nicht einfach neue Empfindungen.

Es sind neue Informationen.

Und neue Informationen ermöglichen neue Vorhersagen.

Vielleicht liegt genau darin einer der wichtigsten Wirkmechanismen von PRI.

Kompensationen sind oft intelligente Lösungen

Was passiert aber, wenn dem Gehirn Informationen fehlen?

Stellen wir uns vor, eine Seite des Brustkorbs bewegt sich seit Jahren kaum noch.

Oder ein Fuß wird immer weniger belastet.

Für das Gehirn bedeutet das zunächst nicht, dass etwas „kaputt“ ist.

Es bedeutet vor allem:

Es fehlen Informationen.

Und trotzdem muss das Gehirn den Körper weiterhin organisieren.

Also entscheidet es sich für Strategien, die zuverlässig funktionieren.

Oft entsteht dann mehr Muskelspannung.

Oder immer dieselbe Bewegungsstrategie.

Oder ein Atemmuster, das zwar nicht besonders effizient ist, aber Vorhersagbarkeit schafft.

Aus dieser Perspektive betrachtet sind viele Kompensationen keine Fehler des Körpers.

Sie sind intelligente Anpassungen eines Gehirns, das versucht, mit den Informationen zu arbeiten, die ihm im Moment zur Verfügung stehen.

Warum Atmung im PRI eine so große Rolle spielt

Viele Menschen glauben zunächst, PRI sei eine Atemmethode.

Dabei ist die Atmung aus meiner Sicht eher das Werkzeug als das eigentliche Ziel.

Mit jedem Atemzug verändern sich die Druckverhältnisse im Brustkorb. Die Rippen bewegen sich, das Zwerchfell verändert seine Form, die Wirbelsäule reagiert darauf und auch die Gewichtsverteilung im Körper verändert sich.

Mit anderen Worten:

Die Atmung liefert dem Gehirn ununterbrochen Informationen darüber, wie unser Körper gerade organisiert ist.

Wenn bestimmte Bereiche des Brustkorbs über Jahre kaum noch bewegt werden, verändert sich deshalb nicht nur die Mechanik.

Dem Gehirn fehlen zunehmend auch Informationen aus genau diesen Regionen.

PRI versucht deshalb nicht einfach, Menschen „richtig atmen“ zu lassen.

PRI versucht vielmehr, dem Gehirn bessere Informationen über den eigenen Körper zur Verfügung zu stellen.

Warum eine Ausatmung manchmal so viel verändern kann

Ein Begriff, der im PRI immer wieder auftaucht, ist die Zone of Apposition (ZOA).

Gemeint ist die Auflagefläche des Zwerchfells an den unteren Rippen.

Nur wenn diese Auflagefläche vorhanden ist, kann das Zwerchfell effizient arbeiten und günstige Druckverhältnisse im Brustkorb aufbauen.

Viele Menschen verbringen jedoch einen Großteil ihres Tages in einer eher eingeatmeten Position. Der Brustkorb bleibt angehoben, die Rippen stehen nach außen und das Zwerchfell verliert einen Teil seiner mechanischen Ausgangslage.

Eine vollständige Ausatmung kann helfen, diese Ausgangslage wiederherzustellen.

Dadurch verändert sich nicht nur die Atmung.

Es verändern sich die Druckverhältnisse im Körper, die Bewegungsmöglichkeiten des Brustkorbs und letztlich auch die Informationen, die das Gehirn aus diesem Bereich erhält.

Warum PRI-Übungen oft so unspektakulär aussehen

Wer zum ersten Mal eine PRI-Übung beobachtet, wundert sich häufig.

Warum soll ich plötzlich meine linke Ferse spüren?

Warum ist ein Sitzbeinhöcker wichtig?

Warum beschäftigt sich eine Übung mit einem kleinen Bereich des Brustkorbs?

Im PRI sprechen wir häufig von Referenzpunkten.

Sie helfen dem Gehirn dabei, seine innere Landkarte zu vervollständigen und sich besser zu orientieren.

Je klarer diese Referenzpunkte wahrgenommen werden können, desto leichter fällt es dem Gehirn, neue Bewegungsoptionen zu organisieren.

Deshalb fühlen sich viele Menschen nach einer PRI-Einheit nicht nur beweglicher.

Manche berichten von mehr Ruhe.

Andere von mehr Stabilität.

Wieder andere fühlen sich wacher oder klarer.

Vielleicht liegt das nicht daran, dass eine Übung das Nervensystem „beruhigt“ hat.

Vielleicht liegt es daran, dass das Gehirn plötzlich bessere Informationen erhalten hat und den Körper dadurch anders organisieren kann.

Mehr Möglichkeiten statt perfekte Haltung

Von außen wirkt PRI manchmal wie ein Haltungskonzept.

Für mich geht es jedoch um etwas anderes.

Nicht darum, möglichst gerade zu stehen oder dauerhaft eine perfekte Haltung einzunehmen.

Erst wenn unser Körper wieder zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen kann, entstehen echte Bewegungsoptionen: nach links und rechts rotieren, Gewicht flexibel verlagern, den Brustkorb in alle Richtungen bewegen oder sich einer neuen Situation anpassen.

Gesundheit bedeutet deshalb für mich nicht, möglichst wenig Spannung zu haben oder das Nervensystem ständig beruhigen zu wollen.

Gesundheit bedeutet vielmehr, wieder Optionen zu besitzen.

Vielleicht ist genau diese Fähigkeit, flexibel zwischen verschiedenen Möglichkeiten wechseln zu können, einer der wichtigsten Aspekte eines gesunden Nervensystems.

Warum mich PRI so fasziniert

Je länger ich mich mit PRI beschäftige, desto weniger sehe ich darin eine reine Bewegungsmethode.

Für mich ist PRI vielmehr eine Möglichkeit geworden, den Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Natürlich geht es um Muskeln, Gelenke, Atmung und Bewegung.

Gleichzeitig eröffnet PRI aber auch einen Blick darauf, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet, Vorhersagen trifft und daraus Bewegung organisiert.

Durch meine Ausbildung im integrativen Emotionscoaching entdecke ich außerdem immer wieder erstaunliche Parallelen. Obwohl beide Ansätze aus unterschiedlichen Richtungen kommen, beschäftigen sie sich mit ähnlichen Grundprinzipien: Wie verarbeitet das Gehirn Informationen? Wie verändern neue Erfahrungen bestehende Muster? Und wie entstehen neue Möglichkeiten?

Je mehr ich lerne, desto deutlicher wird für mich, dass sich Bewegung, Wahrnehmung, Emotionen und Nervensystem nicht voneinander trennen lassen.

Jede Veränderung auf einer Ebene beeinflusst immer auch die anderen.

Genau diese Zusammenhänge faszinieren mich – und genau deshalb arbeite ich heute so, wie ich arbeite.

Wenn dich dieser Blick neugierig gemacht hat

PRI ist keine Methode, bei der ich dir drei Übungen zeige und verspreche, dass danach alles gut wird.

Es ist vielmehr eine Einladung, den eigenen Körper besser kennenzulernen und zu verstehen, warum er sich im Laufe des Lebens so organisiert hat, wie er es heute tut.

Deshalb vergebe ich bewusst nur wenige 1:1-Begleitungen gleichzeitig.

Nicht, weil ich künstlich verknappen möchte, sondern weil diese Arbeit Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft braucht, gemeinsam zu beobachten, Zusammenhänge zu erkennen und Schritt für Schritt neue Erfahrungen entstehen zu lassen.

Ich verspreche dir keine schnelle Lösung.

Ich verspreche dir aber, dass wir gemeinsam lernen werden, deinen Körper besser zu verstehen. Denn aus meiner Erfahrung beginnt genau dort nachhaltige Veränderung.

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Integratives Emotionscoaching